Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wanderhuren

Hadmut
6.3.2019 22:42

Wie bei Car-Sharing.

Also, mein Auto ist ja noch gut in Schuss, gerade weil ich kaum noch fahre, seit ich in Berlin wohne. Aber es hat halt inzwischen auch schon 10 Jahre drauf. Ich hatte mal an zwei Türen Rostbläschen, da hat mir der Hersteller im Rahmen der Rostfrei-Garantie zwei Türen ausgetauscht. Zum Glück kein Diesel.

Aber man merkt’s halt schon, dass das Fahrzeug alt wird und so langsam in die Reparaturen kommt. Gerade habe ich Sommer- und Winterreifen neu kaufen müssen, dabei war auch noch die Klimaanlage undicht, im Handschuhfach habe ich noch einen CD-Wechsler (damals eine Selbstverständlichkeit), von dem die Fachwerkstatt des Herstellers nicht sagen kann, wie man den ausbauen kann, weil ich ihn nie benutze. DAB-Empfang habe ich nicht, und damit ein richtiges Problem, wenn sie Analog abschalten, und beim Wechsel der Scheinwerferbirnen fluche ich jedesmal genug, um ein Dutzend Leute in die Hölle zu bringen, und zerkratze mir die Hände, weil einfach eine Mistkonstruktion und kaum zu erreichen, während moderne Fahrzeuge haltbare LED-Scheinwerfer haben.

Manche Nachbarn spotten.

Das würde sich doch gar nicht lohnen, dafür Unterhaltskosten und so weiter zu zahlen. Stehen doch überall Car-Sharing-Fahrzeuge rum.

Stimmt, sage ich. Damit käme ich tatsächlich deutlich billiger und müsste mich nicht um TÜV, Reifen und sowas kümmern.

Nur: Das mit dem Car-Sharing ist nun auch nicht so mein Ding. Es kommt zwar hin und wieder in Sonderfällen mal vor, dass ich mit so einem Car2Go-Smart rumgefahren bin, aber so richtig gefallen tut’s mir dann nicht. Mitunter sind die auch dreckig, und es ist mir schon öfters passiert, dass dann, wenn ich einen brauchte, einfach keiner verfügbar war, weil komischerweise dann, wenn ich einen brauchte, die anderen auch einen brauchten. Es ist mir schon ein paarmal passiert, dass ich einen mieten wollte und schlicht keiner in Laufumgebung greifbar war.

Ich hatte es mal auf einer Silvesterfeier, dass ich danach U-Bahn fahren wollte, da aber die Hölle von aggressiv-kotzenden Besoffenen los war, und ich lieber mit einem Smart gefahren bin. Ich hatte das dann ein Jahr später wieder so geplant, und als Ergebnis, dass ich dann am Silvestermorgen bei Kälte und Dunkelheit sowas um die zwei Kilometer laufen musste, um einen zu finden, den ich dann in einem Wohnviertel zwischen den Anwohnerparklätzen suchen und mühsam ausquetschparken musste. Ist vor allem deshalb übel, weil man das Fahrzeug nur 15 Minuten reservieren kann und man womöglich den Weg umsonst macht, wenn man ihn nicht in 15 Minuten schafft und das Auto dann weg ist, weil ein anderer kam. Zugegeben, der Vergleich ist nicht fair, denn mein eigenes Auto stelle ich in der Innenstadt nur äußerst ungern nachts (oder überhaupt) ab, aber bei Bedarf habe ich es verfügbar.

Bei den anderen weiß man nie. Zumal ich es immer öfter sehe, dass die Leute mit diesen e-Zigaretten in Mietautos dampfen, und dann stinkt’s halt. Man weiß halt nie, wie der Vorgänger damit umgegangen ist.

Die Frage ist halt: Hält man sich für teuer Geld ein eigenes Exemplar, das in die Jahre kommt und in die Reparaturen kommt, aber dafür bereit steht und nicht von anderen benutzt wird?

Oder nimmt man sich für Stundensatz so einen jungen Hüpfer, den man nicht pflegen und reparieren muss, und nach Gebrauch einfach abstellen kann, die zwar pro Stunde teuer sind, aber man sich den Unterhalt spart und die einfach nichts kosten, wenn man sie nicht benutzt, und von dem man nie weiß, ob man einen findet, wenn man einen braucht, und man sie manchmal auch dreckig und nach Zigaretten stinkend vorfindet, weil der Vorgänger halt nicht gut damit umgegangen ist.

Ist halt was für die Silvesternacht und dann stellt man es irgendwo hin und es bleibt nicht mehr davon als die Lastschrift auf dem Konto.

Nun gibt’s ja Leute, die meinen, dass es sich mit Frauen genauso verhalte.

Mehrere Medien berichten gerade (WELT, Tichy) über die Plattform Ohlala, die mit „Paid Datings” handelt.

Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie bei Tätowierungen: Einst hatten das nur Huren, Knastbrüder und Seeleute, dann wollten es alle haben, weil es gesellschaftsfähig wurde. Und so scheint gerade auch der Großraum „gewerbliche sexuelle Dienstleistung” in der Gesellschaft seinen Platz zu finden.

Gegründet von einer (*Pruuuuust*) Pia Poppenreiter. Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Welt:

Dabei will das Unternehmen sich primär auf potenzielle User außerhalb des traditionellen Rotlichtmilieus konzentrieren. Die Mission von Ohlala scheint zu sein, jungen Frauen, die ihr Leben derzeit noch auf herkömmliche Weise finanzieren, einen niedrigschwelligen Zugang zur nebenberuflichen Prostitution zu bieten.

Die Plattform macht der Großstadtbewohnerin mit Geldsorgen in etwa folgendes Angebot: Wenn du bereit bist, einen Steuerberater oder Start-up-Gründer oral zu befriedigen, kannst Du in diesem Monat noch mal deine Wuchermiete bezahlen. Gerade in Zusammenspiel mit einem außer Kontrolle geratenen Immobilienmarkt sowie der Option des Dauer-Couchsurfens via Airbnb markiert Ohlala den Übergang von der Gig Economy zur Wanderhuren-Economy.

Man schläft sich so durch.

Wobei ich mich frage, welcher Steuerberater oder Startup-Gründer für einen Blowjob soviel zahlt, dass es für eine Miete reicht. Oder reden die vom Abo? So mit Rabattkärtchen? Zehnmal abstempeln macht einen gratis?

Poppenreiter möchte ihre Site aber nicht als schnöden Escort-Marketplace verstanden wissen, sondern als emanzipiertes Lifestyle-Angebot – daher auch der Begriff paid dating, der impliziert, dass es bei Transaktionen, die über die Site zustande kommen, nicht ausschließlich um Kopulation geht.

Naja, nicht ausschließlich Kopulation. Auch Zahlen.

Emanzipation gibt’s da nicht. Von deren Webseite:

Männer, ihr erstellt eine Date-Anfrage und schlagt Zeitpunkt und Budget vor.

Jetzt, liebe Frauen kommt ihr ins Spiel: nun könnt ihr euch mit eurem Profil vorstellen.

Bei gegenseitiger Sympathie öffnet sich der Chat.

Sobald ihr euch über alle Details einig seid, trefft ihr euch. Also wirklich!

Das ist etwas geschönt, denn in der englischen Variante heißt es statt Sympathie „When a female user accepts the request, a new private chat will open up.”

Heißt: Wenn genug Geld für die Dienstleistung geboten wurde.

Die anderen 793,48 Geschlechter kommen erst gar nicht vor, und es ist von vornherein selbstverständlich, dass der Mann sich mit Geld bewirbt und die Frau dann akzeptiert oder nicht.

Nun, es heißt ja, dass die Berliner Bordelle sich zu einem gerüttelten Teil aus den Berliner Universitäten rekrutieren, weil die Geisteswissenschaftlerinnen alle nicht ernstlich arbeiten wollen oder können, und die dann auch nach dem Studium dabei bleiben. Angeblich gelten für Promovierte höhere Stundentarife. Also promovierte Huren, nicht promovierte Freier. Frau Dr. kostet Aufpreis. Könnte mir auch vorstellen, dass das bei Dominas gut kommt, wenn die einen Doktor haben und ihre Opfer fesseln und dann mit Vogonengedichten philosophischen Hausarbeiten quälen.

Würde mich jetzt echt mal interessieren, wer und wieviele sich da so anpreisen, aber man muss sich da mit Telefonnummer anmelden, und das will ich nicht.

Aber es scheint da einen App zu geben die denen von den Car-Sharing-Anbietern nicht unähnlich ist. Zeigt halt auf der Landkarte an, welche Fahrzeugtypen rumstanden, was sie kosten und wie voll der Tank gerade ist.

Früher zeigte car2go in der App zur Auswahl auch an, wie sauber das Auto innen und außen gerade ist. Haben sie aber abgeschafft.

Naja, interessant ist, dass es eben nicht nur um Kopulations- und verwandte Dienstleistungen geht, sondern auch um:

Dass man vor dem Facesitting also mit Pale Ale anstößt und sich nach dem Deepthroat Ramen von Deliveroo liefern lässt, um gemeinsam noch eine Episode „Narcos“ zu schauen – womit wiederum exakt die populäre Escort-Dienstleistung GFE, kurz für Girlfriend Experience, umrissen wäre.

Stundenfreundin. Frau mit Schlitz. Geldeinwurfschlitz. Na, dann sollte man doch mal Sexroboter in Betracht ziehen.

Bei Tichy heißt es etwas würzig:

Hinter Ohlala steckt eine Gründerin, die sich Pia Poppenreiter nennt oder – um Himmelswillen – die tatsächlich so heißt. Poppenreiter macht jetzt schon den zweiten Anlauf im horizontalen Gewerbe, zuletzt soll sie mit einer Art Lieferservice für die professionelle Prostituierte gescheitert sein.

Die Unterscheidung zwischen professioneller und amateurhafter Prostitution ist für diese Geschichte wichtig. Dann nämlich, wenn man sich drauf einigt, dass die Professionelle darauf besteht, „Hure“ genannt zu werden, wenn Hobbyhuren für Professionelle „Nutten“ sind, Ehefrauen, die sich ihrem Mann nur hingeben, weil es ihnen auf die Finanzierung eines Luxus ankommt, der über den Hartz4-Regelsatz hinausgeht. So in etwa erklärte es jedenfalls einmal eine Hure im Interview gegenüber dem Autor hier.

Naja, Ehefrau ist ja nicht mehr.

Meine Vermutung wäre ja, dass es demnächst zu einem Preisverfall durch Überangebot kommt: Wenn nämlich zu den Studentinnen noch die Journalistinnen dazu kommen. Die sind nämlich von den Redaktionen abgehärtet, die machen erstens alles, machen es zweitens billig, und sind bekanntlich, naja, austrainierte Mietmäuler. Huahahaaa.