Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Es wird Frühling, und ich bin nicht dabei

Hadmut
2.3.2019 15:40

Bei mir fällt der Frühling aus politischen Gründen aus.

Wie vor längerer Zeit schon bebloggt, frönte ich in meiner Jugend und auch noch vor wenigen Jahren der Aktfotografie. Oder um es auf deutsch zu sagen: Ich habe mehr oder weniger, meist ziemlich, nicht selten ganz nackte Frauen fotografiert.

So zum Spaß.

Und weil es schult, es ist nämlich verdammt schwierig, gilt mit als eines der anspruchsvollsten Bereiche der Fotografie. Ist (zumindest für den Fotografen) nicht erotisch, wie sich das manche vorstellen, sondern schon körperlich anstrengend, aber tatsächlich geistige Höchstarbeit. Nach zwei, drei Stunden ist man fix und fertig, weil es das Hirn wirklich anstrengt. Man muss auf unglaublich viele Dinge achten, Kameraeinstellungen, Licht, Position, Hintergrund, ist irgendwo eine Falte, irgendwas im Weg oder Hintergrund, stimmen die Schatten, ist die Belichtung richtig, sitzt die Schärfe, und dann natürlich alles rund um das Model, sitzt – falls überhaupt – die Andeutung einer Textilie richtig, Haare, Gesichtsausdruck, Bildkomposition, Aufteilung, Goldener Schnitt und und und.

Und dann hat man da ja einen Menschen aus Fleisch und Blut vor sich, der Gefahr läuft, sich zu langweilen oder frustriert oder verärgert zu sein. Man kann sich nicht mit der Kamera allein beschäftigen, sondern muss ständig kommunizieren, Feedback geben, und seit es Digitalkameras gibt, ständig immer wieder vorzeigen, was man gemacht hat (und wehe, das sieht nicht gut aus), muss jemand auch zum Lachen bringen, das mitunter alles noch auf Englisch.

Und hinterher muss man noch damit umgehen können, mindestens 90% in die Tonne zu werfen und wirklich nur die besten zu verwenden.

Nur weil ich vor Jahren mal von einem Aktworkshop in Prag berichtet habe, wird mein Blog auf ziemliche vielen öffentlichen WLANs (Flughäfen, Supermärkte usw.) als Pornowebseite blockiert. Sollte aber demnächst besser werden, ich werde in den nächsten Monaten das Blog auf HTTPS umstellen. (Dauert noch etwas, wir brauchen erst neue Hardware mit AES-Option im Prozessor.)

Interessant ist auch, welche Arten von Models mir schon so begegnet sind:

  • Es gibt die abgebrühten Profis, die das als Beruf oder Haupteinkommen machen, meistens auch schon mal in Playboy oder Penthouse waren, kein Aufwärmen brauchen, die ihre Posen durchziehen, denen das ziemlich egal ist, wie gut der Fotograf ist, Hauptsache die Kohle stimmt. Mit denen kriegt man richtig gute Fotos hin, aber wenn man da nicht sehr dominant auftritt und klare Anweisungen gibt, läuft es leicht darauf hinaus, dass man die praktisch deckungsgleichen Fotos wie schon 20 andere Fotografen vor einem macht, weil sie immer dieselben Posen abspulen.

    Für sie ist die Pose wichtig.

    Schreibt gerne in Profilseiten, dass sie auch gerne mit Anfängern arbeitet, und ist deshalb auch Anfängern sehr zu empfehlen.

    Die Sonderfälle darunter kennen sich auch fotografisch so gut aus, dass sie dem Fotografen, der an seiner Kamera verzweifelt, helfen oder ihm sagen können, wo das Licht hingehört. Läuft allerdings leicht auf Selfie in Anwesenheit eines Fotografendarstellers hinaus.

  • Es gibt die Studentin, die sich ihr Studium damit finanziert, mitunter etwas schüchtern und unsicher, auch nicht immer so professionell oder posing-sicher, wenig Selbstvertrauen, bitte das nicht zeigen und nicht von der Seite, und ich würde gerne so und so aussehen, aber dafür lieb und nett. Nicht frustrationstolerant.

    Kann zu guten, aber meist lieben Fotos führen, ist aber nichts für Anfänger. Da muss man schon selbständig arbeiten können und wissen, was man tut. Dafür sehr unterhaltsam.

    Sie will mit toller Figur dargestellt werden.

  • Es gibt die Livestyle-Anhängerin, für die es zum Körpergefühl gehört, sich nackt zu geben, und die damit keinerlei Berührungsängste hat. Nicht selten vegan, heute allerdings in der Regel grauslich tätowiert. Hat den Vorteil, dass sie preisgünstig oder kostenlos zu haben ist (TFP, Time for Pictures, arbeitet gegen Beteiligung an Bildern), allerdings meist vom Aussehen nicht so die Top 10 ist, dafür auch bei den Bildern nicht so anspruchsvoll. Früher stets mit Arschgeweih. Hängt auch damit zusammen, dass die sich gerne an Stellen tätowieren lassen, die normalerweise bedeckt sind, Geld und Schmerz aber nicht vergeuden wollen, sondern wollen, dass sie endlich mal jemand sieht.

    Imposante Darstellung der Brüste unumgänglich, bevorzugt in Verbindung mit Portraits, die die asymmetrische Frisur und den Nasenring gut zur Geltung bringen.

  • Es gibt den frivolen Typ, dem das Honorar eigentlich nicht wichtig ist (und es mit und ohne macht), der es erotisch findet, sich nackt auszuziehen und von einem Mann mit dem dicken Riesen-Auge betrachten zu lassen. Stellt oft von vornherein klar, dass irgendwelche Formen der Bekleidung oder Bedeckung für sie erst gar nicht in Frage kommen, und legt nach einer Anstandsphase von 10 Minuten mit „ab 18” los.

    Hemmungslos, machen alles, freuen sich noch darüber, aber Bildmaterial dann schwierig, weil alles, was in Richtung Porno geht, inzwischen praktisch wertlos ist, in Reizüberflutung untergeht, einem nur Ärger einbringt, und letztlich auch nichts bringt, weil die Anatomie der Frau inzwischen erschlossenes Gebiet ist.

    Sie hat ihren Spaß, er muss sich zusammenreißen. Vor allem, wenn sie das Unterhaltungsgespräch – man unterhält sich ja wie beim Friseur immer über irgendwas belangloses – auf Sexualpraktiken und ihre Erfahrungen damit lenkt und ungefragt klarstellt, was sie macht und was nicht.

  • Ergänzend dazu gibt es den semifrivolen paraexhibitionistischen Typ, der eigentlich ganz normal und natürlich ist, aber es einfach genießt, und dazu meist auch nicht alleine, sondern zu mehreren mit Freundinnen anrückt, und das wirklich will und mag, zwischen anderen Leuten splitternackt herumzulaufen, und dabei so zu tun, als wäre es das normalste auf der Welt. Gut daran zu erkennen, dass sie sich auch in den Pausen nichts anziehen (wollen). Sieht das nicht erotisch, sondern findet Gefallen daran, sich nackt so zu benehmen, als wäre man angezogen in einer Alltagssituation.

    Prima geeignet.

  • Dann gibt’s seit knapp 20 Jahren anfangend, in Zeiten des Digitalen aber massenweise, die Osteuropäerinnen, vor allem aus Tschechien, Polen, Ukraine, Russland, die meist ziemlich bis verdammt gut aussehen, nicht gegendert und feminisiert sondern selbstbewusst sind, die nahezu keine Hemmungen haben, aber schöne Bilder wollen, weil es für sich sehr wichtig ist, schön auszusehen, meistens auch sehr nett sind, die das neben ihrem Hauptberuf machen, aber durch den Wechselkurs und die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten im Vergleich zum Hauptjob ziemlich damit verdienen und das für Schuhe, Schmuck, Handtaschen und sowas wieder ausgeben, und die dann auch an Schminke nicht geizen, aber normalerweise auch sehr gepflegt sind.

    Gehen gerne auf „Tournee” durch Deutschland oder Westeuropa, pilgern von Stadt zu Stadt, grasen die Fotografen ab, und fahren in die nächste, kommen dann so halbjährlich oder jährlich wieder. Sprechen aber außer ihre Muttersprache nur englisch.

    Eigentlich die beste Option, das werden die besten Bilder.

  • Dann gibt es die Realitätsverlustigen, die vom Aussehen einfach nicht oder nicht mehr geeignet sind, die dann auch mal über die 35 oder 40 hinaus sind, und zwar so, dass man es ihnen ansieht. Es gibt zwar auch welche, die das immer noch richtig gut können, aber die werden da einfach selten. Es gibt aber auch welche, die dafür schon mit 20 nicht das Aussehen haben und das dann auch nicht einsehen oder ganz schreckliche Fotos in ihr Profil laden. Kommt gerne mit Ansichten, dass Schönheit relativ oder es Aufgabe des Fotografen wäre, sie topmodellig darzustellen. Hängt meist ganz schrecklich in Klamotten, die weder zu ihr, noch zueinander passen, agiert aber nach „viel hilft viel”. Neigt zu Feminismus und zum Schimpfen auf „Germanys Next Topmodel”, weil die so dürre Hungerhaken zum Schönheitsideal machen. Fest überzeugt, dass Hängebrüste Publikum und Fans finden. Kann normalerweise auch nicht posen, sondern steht da wie an der Bushaltestelle und wartet, dass es passiert.

    Finger weg, wird nix.

  • Als Variante dessen gibt es die Haarigen vom Typ Urwald Natur, die jede Form der Haarentfernung als frauenunterdrückend und unnatürlich ablehnen und dann voller Freude ihren Dschungel von der Größe und Beschaffenheit des in den vergangenen Wochen abgeholzten Regenwaldes präsentieren.

    Geschmackssache, ich hab’s nicht so mit den Biotopen.

  • Selten gibt es auch das Gegenteil davon, die dann wirklich gar kein Haar mehr haben, auch nicht auf dem Kopf.

    Fallen in zwei Unterkategorien.

    Ich hatte in Prag mal eine Bildhübsche, auch sehr, sehr nette dabei, die aus irgendeinem gesundheitlichen Grund einfach keine Haare, aber eine sehr schöne, weil wirklich glatte und wohlgeformte Glatze hatte, dazu ein richtig schönes Gesicht, und die mit einer Sammlung von einem Dutzend – natürlicher, aber auch knallbunter – Perücken ankam, und die innerhalb von Sekunden aufziehen konnte und damit extrem wandlungsfähig war. Perfekt.

    Und es gibt so die Techno-Punk-Typen, die das aus Gründen der Weltanschauung machen, oder manchmal noch einen Irokesenschnitt, aber dann leider oft unter einer Selbstverwahrlosung leiden, von Tattoos aussehen wie die Graffiti auf der Klokabinenwand. Schwierig.

  • Problematisch sind die Psychos, die dann den ganzen Arm vernarbt haben, weil sie sich ritzen.

  • Dann gibt es so einen Typ Aschenputtel.

    Das sind die, die eigentlich nach nichts aussehen und die jeder übergeht, die aber voll abgehen, wenn sie plötzlich vor der Kamera stehen.

    Ich war mal vor über 10 Jahren auf so einer Model-Sharing-Veranstaltung, auf der der Veranstalter eine komplette Burg gemietet hatte, dazu 20 Models und 20 Fotografen eingeladen, und dann im Stundenrhytmus Wechsel, jeder sucht sich wen, irgendeinen Ort, und macht dann, was er kann und will.

    Ich hatte mir natürlich erst die Hübschen rausgesucht, wurde aber alles nichts. Irgendwie konnten die sich nicht in taugliche Körperhaltung begeben oder darstellen.

    Dann kam ich mal bei einem Wechsel zu spät, und musste die Übriggebliebene nehmen, die keiner wollte. Die war nett, kam aber vom Aussehen so leicht kartoffelig rüber. Also los, ich wollte die jetzt auch nicht stehen lassen.

    Kaum nahm ich den Deckel von der Linse, legte die los und guckt mich an wie ein Flammenwerfer. Und packte ein paar waffenscheinpflichtige Piercings aus. Der Kamerasensor hat Blasen geschlagen, ich hatte danach Sonnenbrand von deren Ausstrahlung, waren die besten Bilder.

    Brüller, aber schwer zu finden.

  • Dann gibt es so ein paar abgefahrene Freaks, aber wenn ich die hier klassifizieren könnte, dann wären sie ja keine.

  • Dann gibt es die Schüchternen, die sich nicht selbst überreden können, es zu tun, und dann so in ihr Profil „vielleicht” oder „künstlerisch” reinschreiben, weil sie darauf warten, dass sie sich selbst mal trauen. Wollen Fotos, auf denen sie nackt wirken, aber man trotzdem nichts sieht. Wasch mich, aber mach mich um Himmels willen nicht nass. Halten es für sehr verrucht, das T-Shirt zur Seite zu ziehen und ein Stück nackter Schulter zu zeigen.

    Meist hübsch, aber zur Aktfotografie nicht oder nur mit sehr viel Geduld zu gebrauchen. Eher so was für den Bekanntenkreis als für eine Fotosession. Am Besten Portraits, Schmuckfotos oder Reiterurlaubsfotos machen.

  • Dann gibt es die Pornodarstellerinnen von Natur oder Charakters wegen.

    Woraus dann meistens auch Porno wird. Nur machen, wenn man genau das noch will. Können oft sonst nicht viel.

  • Dann gibt es die, die komplett auf dem falschen Dampfer sind und das auch nur irgendjemandem zuliebe tun.

    Beispiel: Ich war mal vor über 25 Jahren auf einem Workshop, zu dem eine kommen sollte, die super aussah, und die ich auch schon kannte, die aber nicht erschien, sondern sich am späten abend zuvor wegen Krankheit entschuldigt hatte und eine „Freundin” schickte, die für sie einspränge. Hätte zwar keine Erfahrung, sei aber eine ganz liebe.

    Ach herrje, war der Gedanke, als die reinkam. Ältere, abgenudelte, verbraucht aussehende (und wie sie uns später erzählte) Bar-Animierdame aus einem Bordell, die meinte, es würde schon was werden, wenn sie nur mit Leder und Peitsche aus dem Werkzeugraum des Etablissements anrückte. War ne ziemliche Katastrophe.

    Aber: Ein prima Kumpel, mit der hätte ich mich monatelang über alles und die Welt unterhalten können. Nur vor die Kamera, da gehörte die einfach nicht hin.

Deshalb und eigentlich ist Aktfotografie der Königsweg, um Menschenfotografie und auch den Umgang mit Menschen dabei zu üben und zu lernen (oder daran zu scheitern). Erstaunlicherweise gibt es eine ziemliche Menge von Leuten, denen schlicht die Sicherung rausfliegt und die einfach gar nichts mehr können, wenn eine nackte Frau vor ihnen steht.

Aber: Ich habe irgendwie den Spaß dran verloren.

Irgendwie ist das Gelände totfotografiert. Erinnert mich an den Schlosspark in Karlsruhe, der zweimal im Jahr je fünfmal neu vermessen wird, weil die Studenten von irgendeinem Landvermessungsstudiengang da für das Praktikum hingeschickt werden und den immer wieder aufs Neue vermessen.

Mittlerweile frage ich mich bei den allermeisten Aktfotos, ob ich so ein Foto nun erst 10.000 oder doch schon 20.000 Mal gesehen habe. Da kommt irgendwie nichts Neues mehr, da gibt es keine Entdeckungen oder Variationen mehr.

Vor allem aber ist mir das inzwischen viel zu riskant geworden, seit immer mehr Leute im politischen und Open-Source-Umfeld mit falschen Vorwürfen irgendwelcher sexueller Belästigungen erledigt werden. Das Risiko ist einfach nicht mehr tragbar. Das Thema geht nicht mehr. Es ist einfach etwas, was man zumindest dann, wenn man sich kritisch äußert, nicht mehr machen kann.

Aus und vorbei. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben nochmal in einem Zeitalter vorbeikomme, in dem man sowas normal und ohne Risiko von Fallen und Intrigen machen kann.

Geht nicht mehr im Zeitalter der Sozialistischen Abweichler-Hatz.

Früher war das mal so, dass man als Fotograf Frauen „ansprechen” musste, ob sie nicht mal Lust hätten … Geht sowieso nicht mehr, da riskiert man gleich den Knast.

Muss man aber auch nicht mehr, denn heute gibt es ja Webseiten, auf denen sich Fotografen, Models, Visagisten, Fotostudios, Workshops, Händler, und weiß der Kuckuck was nicht nicht alles darstellen und anpreisen. Man gibt in der Suchmaske ein, was man haben will, und wählt aus dem Angebot aus. Risikolos, denn die bewerben sich ja selbst damit. Und immer wieder wird man auch von Models angeschrieben, sie seien dann und dann in Berlin, ob man nicht Interesse hätte,…

Es wird gerade Frühling.

Ich habe wieder jede Menge Zuschriften bekommen, aus Deutschland, aber auch von Tschechinnen oder Ukrainerinnen, sie seien dann und dann in Berlin, und die dann eben alle anschreiben, die per Suchmaske als „Fotograf, Akt, Berlin” zu finden sind. Machen die normalerweise nur, wenn es nicht zu kalt und zu dunkel ist. Es wird Frühling.

Aus Höflichkeit ist es meine Angewohnheit, auf jeden Fall irgendetwas zu antworten.

Ich habe geantwortet, dass ich bis auf weiteres keine Aktfotografie mehr betreibe, ist aus politischen und gesellschaftlichen Gründen nicht mehr möglich, für Leute wie mich viel zu riskant geworden.

Von den Osteuropäerinnen sehr konsternierte Reaktionen, aber doch Verständnis. Kennt man von früher.

So merkt man, wie der Sozialismus und seine Unterdrückungs- und Angstmethoden in jede Ritze der Gesellschaft, des Lebens kriechen und alles zersetzen und zerstören. Es gibt immer mehr, was man sich nicht mehr traut.