Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Notfallsenf

Hadmut
30.12.2018 1:12

Mehrere Leser schrieben mir inzwischen…

dass es klar wäre, dass Senf die Spülmaschine dicht macht, weil Senf ein Super Dichtmittel wäre. Man könne es verwenden, um undichte Autokühler abzudichten. Auf der Autobahn liegen geblieben? Etwas Senf in den Kühler und alles wäre wieder gut. (Hoffentlich sieht einen dabei keiner. Man spottet ja immer darüber, was Frauen alles in den Kühler packen, und die Nummer mit der Strumpfhose als Keilriemen wurde ja auch als urban legend entlarvt.) Sogar reguläre Dichtmittel für Autokühler beruhten meist auf Senf. Einer schrieb gar, es sei ein alter „Wehrmachtstrick”, leckende Kühler mit Senf zu flicken.

Nun, dass das ein alter Wehrmachtstrick wäre, würde ich nicht anzweifeln wollen. Opa hat mir auch aus dem Krieg erzählt. Wie sie da mangels Verpflegung öfters in verlassene Häuser gegangen sind, um da mal die Küche zu benutzen und sich mal einen geschossenen Hasen zu braten oder sowas. Dass sie da Senf gefunden haben, könnte ich mir vorstellen. Den letzten so gebratenen Hasen hat er übrigens nie gegessen, weil er gerade am Herd stand und briet, als weniger als einen Meter von ihm, direkt am Fenster vor seiner Nase, ein russischer Panzer vorbeifuhr. Sie haben ihn aber nicht gesehen. Er hat den Hasen einfach liegen gelassen und hat gemacht, dass er wegkam. Ich vermute, er wird auch den Senf nicht mitgenommen haben.

Wo ich aber auf der Autobahn Senf herbekommen sollte, konnte mir da keiner verraten.

Ich habe auch seit Ende meines Studiums, nämlich seit ich mir ordentliche Autos leisten kann, keinen Werkzeugkoffer mehr im Auto dabei. Abgesehen von dem Umstand, dass ich in keinem meiner Werkzeugkoffer, nicht mal in der Netzwerktechnik und auch nicht im Fotowerkzeugkästchen, noch Senf bewahre.

Zudem muss ich sagen, dass ich ebenfalls seit ich ordentliche Autos fahre, auch keinen undichten Kühler mehr hatte. Mein erstes Auto war ein unsagbar verrosteter Toyota, Baujahr 80, bei dem war mal der Kühler durchgerostet. Alles andere dummerweise auch. Dann hatte ich einen Audi 80, auch Baujahr 80, sogar selbst Tag Erstzulassung, bei dem mir zweimal der Kühler auf der Autobahn ausgelaufen ist, weil der Verbindungsschlauch zum Motor gerissen ist. Ich glaube nicht, dass Senf einen gerissenen Schlauch wieder stopft.

Und das waren beides noch Autos mit Choke und Vergasermotor, an denen ich noch alles aufschrauben und zerlegen und selbst reparieren konnte. Kein Kat, kein Hokus Pokus, keine Motorelektronik, einfach nur ein Zündverteiler, eine Zündspule und vier Zündkerzen. Da konnte man noch rumbasteln.

Seither habe ich Autos, die ich nicht mehr selbst reparieren kann, nicht mal in der Werkstatt können sie da noch viel machen, ohne vorher den Bordcomputer und das Analysegerät zu befragen. Alles geregelt und eingestellt, mit Sonden und Rechnern und PiPaPo. Undichte Kühler hatte ich seither nicht mehr.

Vor 3 Jahren ist mir das Auto mal in den Notbetrieb gegangen, da konnte ich nur noch mit Warnlampe maximal 100 fahren.

Warum? Der Schalter am Bremspedal für die Bremsleuchte hinten war kaputt. Der signalisiert auch dem Bordcomputer, dass man bremst. Als der Computer feststellte, dass das Auto unerklärlich langsamer wird, obwohl keiner bremst (weil ich gebremst, aber der Computer das eben nicht bemerkt hat), ging er in den Krisenmodus und wurde depressiv, weil er meinte, dass er keine Kontrolle über das Fahrzeug mehr habe und mich in Kurven nicht mehr unterstützen könne, wir also nicht mehr schneller als 100 fahren dürften.

Und dem soll ich Senf in den Kühler geben?

Wisst Ihr, was die mir von der Werkstatt dann erzählen?

Die tauschen dann den ganzen Motor aus, weil die Kühlwasserpumpe untrennbar mit der Klimaanlage, der Motorkennlinie und dem Autoradio oder so ähnlich.

Abgesehen davon, dass ich für gewöhnlich eben keinen Senf mit mir führe. Nicht mal den Notfallsenf.

Ich glaube gerne, dass das ein alter Wehrmachtstrick war, aber eben auch beim damaligen Stand der Technik und Ausstattung. Und dass man so, wie mein Opa mir das erzählte, unter Kriegsbedingungen durchaus in fremde, verlassene Häuser gehen, deren Küche benutzen und dort Senf finden kann.

Davon abgesehen: Senf mag ein wunderbares Notfallmittel sein, aber als pflanzliches Produkt dürfte es vermutlich nicht lange haltbar sein. Wie man das dann aus dem Kühler und der Kühlwasserpumpe wieder rausbekommt, wäre eine andere Frage. Und ob die Kühlwasserpumpe mit so einem Stopfmittel klarkommt oder sich nicht doch eher aufführt wie meine Spülmaschine. Hatten die damals überhaupt schon Kühlwasserpumpen?