Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Erstunken und erlogen: Die Fake-News-Lawine kommt ins Rutschen

Hadmut
19.12.2018 19:36

Lügenpresse. Oder: Hochmut kommt vor dem Fall.

Heute ging so eine Meldung rum, mehr so als Pflichtübung oder im Tonfall „Schaut mal, wie gut wir sind, wir decken sogar bei uns selbst auf”. Bei SPIEGEL ist ein Journalist damit aufgeflogen, dass er eine ganze Reihe von Artikeln und Meldungen gefaked hatte: Frei erfunden, manipuliert oder abgeschrieben.

Zwar sind die Fake-Artikel selbst eher belanglos in dem Sinne, dass sie im Nachrichtenmeer versinken. Aber vor dem Hintergrund der Fake-News-Kampagnen, mit der die Presse in den letzten Jahren gegen alles-außer-Presse herzog, und vor allem dem Umstand, dass es dabei auch um die US-Grenze zu Mexiko geht und Trump ja die Presse gerne als Lügner hinstellt und dafür von der Presse gekreuzigt wird (man denke nur die an die Trump-Titelbilder des SPIEGELs), sollte das eigentlich mehr Auswirkungen haben als die Hitler-Tagebücher des Stern und irgendwo zwischen Tagebücher und Waterloo liegen. Der Haken ist allerdings, dass es anscheinend mehrere Pressehäuser betrifft und deshalb keiner ein Interesse hat, es an die große Glocke zu hängen. Morgen ist das wohl schon wieder vergessen.

Meldungen dazu haben sie reichlich, aber die sind bei SPIEGEL Online auch schon wieder nach unten gerutscht: SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen, Der Fall Relotius – Die Antworten auf die wichtigsten Fragen , Der Fall Relotius – Wie das SPIEGEL-Sicherungssystem an Grenzen stieß und Der Fall Relotius – Wie der SPIEGEL auf die Fälschungen reagiert. Allesamt mit Vorsicht zu genießen, denn dass der SPIEGEL mit sich selbst so hart umgeht wie mit Trump ist zu wünschen, aber nicht zu erwarten.

Geplatzt ist die Sache anscheinend nach dem Artikel Jaegers Grenze vom November 2018. Anscheinend haben sich Leute, über die berichtet wurde, erst gewundert und dann beschwert, dass man nie mit ihnen gesprochen hatte. Und dann wurde es wohl dem Coautor zu heiß und der zog die Reißleine, um seinen Namen zu retten.

Noch ist das Ausmaß nicht bekannt, bei SPIEGEL habe er in den letzten Jahren um die 60 Artikel geschrieben. Wieviele davon gefälscht waren ist wohl noch unklar und nur schwer aufzuklären. Behaupten sie. Vielleicht wäre es auch leicht und sie wollen nur nicht. Oder noch nicht. Bei 14 habe er es selbst eingeräumt. Wie der SPIEGEL dazu selbst schreibt:

Erste Verdachtsmomente ergaben sich nach Veröffentlichung des Textes “Jaegers Grenze” über eine US-Bürgerwehr an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, der im November 2018 erschien.

Reporterkollege Juan Moreno, der diese Geschichte zusammen mit Relotius für den SPIEGEL recherchierte, wurde misstrauisch. Er glaubte an seine Fakten, recherchierte immer weiter. Er meldete dem SPIEGEL seine Bedenken.

Leicht war das nicht für ihn. Anfangs rannte er gegen Wände wie ein Whistleblower, dem nicht geglaubt wird. Aber er ließ nicht locker und nutzte eine Recherchereise in anderer Sache in die USA, um Material gegen Relotius zu sammeln – und um sich selbst zu schützen. Denn auch sein Name steht über der zweifelhaften Geschichte.

Nach anfänglichem Leugnen gestand Relotius schließlich Ende vergangener Woche. Es stellte sich heraus, dass er ganze Passagen frei erfunden hatte, nicht nur in der Geschichte “Jaegers Grenze”, sondern in einer Vielzahl von Texten.

Wie hat Relotius gefälscht?

Claas Relotius hat mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie getäuscht. Er hat beispielsweise viele der Protagonisten nie getroffen oder gesprochen, von denen er erzählt und die er zitiert. Stattdessen stützten sich seine Schilderungen seinen Angaben zufolge unter anderem auf andere Medien und Filmaufnahmen. So entstanden Charakter-Collagen real existierender Figuren, denen Relotius zusätzlich eine fiktive Biografie andichtete. Außerdem erfand er Dialoge und Zitate.

Für mich riecht das anders.

Denn dass der SPIEGEL auf dem Anti-Trump-Trip ist, wird man schon nach deren Titelblättern (die Inhalte liest ja kaum noch einer) kaum bestreiten können. Die haben sich ja immer weiter in ihren Pressekrieg gegen Trump und Rechts reingesteigert, bis zur völlig Besinnungslosigkeit. Dass die da einen Artikel über rechts aussehende Bürgerwehren an der Mexiko-Grenze geradezu aufgesogen haben, und das annahme, weil es so gut passte, kann ich mir da lebhaft vorstellen. In unserer gesamten Presselandschaft sind die politischen Ziele längst wichtiger als journalistische Pflichten und Fähigkeiten.

Gewicht bekommt die Sache auch, weil Relotius über Jahre vielfach ausgezeichnet wurde. Auch mit dem Reporterpreis 2018. Die Preisorganasationen versuchen gerade zu retten, was zu retten ist, die ersten zogen schon nach Stunden ihre Preise zurück. Als ob man seine Handlungen einfach so zurücknehmen könnte.

Die TAZ meint, sie werde ihre Artikel von ihm prüfen.

Während der SPIEGEL die Artikel von Relotius nur mit einem Hinweis versehen, sie aber online gelassen hat (was ich für überaus wichtig und richtig halte, damit man sich eine Meinung dazu bilden und das auswerten kann), meint der Tagesspiegel:

Claas Relotius, der den “Spiegel” mittlerweile verlassen hat, hat in seiner Zeit als freier Journalist auch für andere Medien gearbeitet: “Cicero”, “Neue Zürcher Zeitung am Sonntag”, “Financial Times Deutschland”, “taz”, “Welt”, “SZ-Magazin”, “Zeit Online”, “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” und Tagesspiegel. Derzeit prüft die Redaktion dieser Zeitung, von welcher Qualität die beiden im Tagesspiegel veröffentlichten Beiträge waren. Der Text “Der Mann, der Hollywood in Angst versetzte” über den Hacker Christopher Chaney enthält Gesprächsszenen, die Relotius erfunden hat. Der Tagesspiegel hat diesen Beitrag mittlerweile bei tagesspiegel.de entfernt.

Oh, ich hätte gerne gewusst, was für „Gesprächsszenen” das waren. Ich halte diese Vorgehensweise daher für unseriös, sofern man hier überhaupt noch von der Kategorie der Seriosität sprechen kann. Eigentlich nicht, aber es gibt eben Steigerungen von unseriös.

Beachtlich ist natürlich, für wieviele Medien der geschrieben hat. Das erklärt natürlich auch irgendwo, warum die alle das gleiche schreiben und es nur noch eine Einheitsmeinung gibt. Letztlich sind die Presseerzeugnisse nicht nur innherhalb der wenigen verbliebenen Verlagsgruppen, sondern durch solche Wanderschreiber auch übergreifend nur noch Handelsmarken derselben Quellen.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Mann ein Einzelfall war oder die Aufdeckung auf Seriösität beruhte. Den Auslöser hat da offenbar diese Südstaatenbürgerwehr gegeben, die da mal anfragte, wie man über sie schreiben könne, ohne sie gesehen zu haben, und dabei auch auf einen getroffen ist, dem das zu heiß wurde und der seinen Arsch retten wollte, womit es eskalierte. This was when the shit hit the fan.

Wenn ich mir aber ansehe, wie politisiert, ideologisiert, verbohrt da viele, und nach meiner Einschätzung die deutliche Mehrheit, sind, kann das gar kein Einzelfall sein. Die Leute kommen genau so aus den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Die sind alle auf poststrukturalismus gebügelt und moralisch überzeugt, zu jedem Mittel greifen zu dürfen, zu können und zu müssen, und glauben, dass es Realität eigentlich nicht gibt, dass alles nur Diskurs und soziales Konstrukt ist, und dass man die Welt zu dem wandelt, was man für besser hält, indem man einfach irgendwas behauptet. So funktionierte ja auch der ganze Feminismus-Komplex. Das ist ja auch von vorne bis hinten erstunken und erlogen, aber flächendeckend von der Presse übernommen, weil die eben alle durch den geisteswissenschaftlichen Fleischwolf gedreht wurden und den Schwachsinn glauben, dass die Welt nur aus willkürlichem Diskurs bestehe und jeder das Recht und die Pflicht habe, einfach draufloszubehaupten, was moralisch geboten sei.

Ich glaube auch nicht, dass das auf Deutschland beschränkt ist. Da wird noch mehr ans Licht kommen.

Kurios ist natürlich, dass damit ausgerechnet der SPIEGEL Trump Wahnsinnsmunition gegen die Presse liefert.

Ich frage oft und gerne, wer diesen Leuten noch irgendetwas glaubt.

Das könnte der Anfang vom Ende sein. Wenn da jetzt noch was ins Rutschen kommt, könnte das alles zusammenfallen wie in Kartenhaus.

Die Frage ist nämlich, was dieser Relotius jetzt macht. Es heißt ja in den Meldungen, er habe beim SPIEGEL gekündigt und seine Karriere sei beendet, sonst will ihn ja auch keiner mehr haben. Studiert hat er laut Wikipedia Politik und Kulturwissenschaften und irgendwas mit Medien, und wenn er in der Presse verbrannt ist, und sonst nichts kann, bleibt ihm nicht mehr viel:

  • Strick
  • Hartz IV
  • Versuchen, unter Pseudonym zu schreiben
  • Auspacken und auf Kronzeuge machen, die Branche hinhängen, und sich dann wieder als Aufdeckungsreporter darzustellen.

Ich halte die letzte Variante nicht für so unwahrscheinlich. Könnte mir gut vorstellen, dass der über kurz oder lang in Talkshows sitzt und versucht, sich noch Honorar zu verdienen oder gar ein Buch zu verkaufen, indem er die ganze Branche darstellt und die allgemeinen Methoden aufdeckt.

Das wird noch lustig.

Wer glaubt diesen Leuten noch irgendetwas?