Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Theorie und Praxis des komischen Spiels: Einer wird verlieren

Hadmut
6.12.2018 20:40

Ich habe interessante Zuschriften zu dem Stromschlag-Reaktionstest-Spiel bekommen.

Ich hatte doch von diesem Spiel berichtet, bei dem es um Reaktion geht. Vier Spieler müssen auf ein wechselndes Licht reagieren, und wer als letzter drückt, bekommt einen elektrischen Schlag.

Einer schreibt, die Simpsons hätten das auch schon gehabt, aber das stimmt nicht. Dort teilt man den anderen einen aus, während es hier darum geht, nicht der zu sein, der einen kriegt.

Ein weiterer rügt mich, dass ich „nicht tödlich, nur Batteriestrom” geschrieben habe. Natürlich kann man auch mit Batterien töten, man muss nur mal die Finger an einen elektronisches Blitzgerät halten oder einen Defi an jemandem abfeuern, dem es bis dahin noch gut geht. Der Leser schreibt dazu:

Eine Mignonbatterie hat bei 1.5V eine typische Kapazität von 1000 mAh. Das sind grob (Annahme konstante Spannung beim Entladen) 1.5 Wh = 5400 Ws = 5400 J elektrische Energie.

Eine Kleinspannung ( < 25V~, 60V=, eingeschr. <50V~, 120V=) ist nicht-tödlich, aber mittels Wandlern kann auch aus 1.5V mehrere 1000V, gar 100000V werden. Bei einem Defibrillator (der ja dazu gebaut ist, das Herz zu stoppen) werden 200 J bis 300 J über die Elektroden abgegeben. (Interner Kondensator wird so bis max 4 kV geladen.) Das ist deutlich kleiner als die 5400J der Batterie. Eine AAA Batterie genügt um mindestens einen solchen Stromstoß (bei entsprechender Elektronik) zu generieren. Und Menschen mit Herzschwäche sind auch noch etwas empfindlicher. Eine Ungefährlichkeit des von dem erwähnten Spiel verursachten Stromstoßes kann man nur durch Messung der abgegebenen Stromstärke und Impulsdauer beurteilen.

Wobei ich anmerken würde, dass auch kleine Spannungen tödlich sein können, es sind schon Leute an 29 bis 40 Volt aus Mikrofonen gestorben: Gleichstrom. Gleichstrom ist eine ziemlich gefährliche Sache und kann schon bei niedrigen Spannungen dazu führen, dass sich das Blut elektrolytisch zersetzt und man dann (später) an Vergiftung durch die Elektrolyseprodukte stirbt (habe ich mal so gelesen). Außerdem führt Gleichstrom viel eher zu lebensbedrohlichen Muskelkrämpfen, etwas des Herzens (habe ich mal so gelesen).

Grundsätzlich habe ich mal bei einem Elektrostimulationsgerät, das Muskelgruppen durch Strompulse bewegen und gegen Rücken- und Nackenschmerzen wirken soll, in der Anleitung gelesen, dass es bei Leuten mit Herzschrittmacher oder Herzrhythmusstörungen nicht angewendet werden darf. So ein Hinweis hätte eigentlich auch auf das Spiel gehört.

Auch der nächste Leser bezieht sich auf elektrische Aspekte:

Da das Gerät mit drei AAA -Batterien in Serie, also 4,5 Volt, betrieben wird, muss ein Trafo drin sein, der diese Spannung auf eine spürbare erhöht. Nach der EU-Spielzeugrichtlinie sind jedoch bei Spielzeug – egal, wie der Hersteller selbst sein Produkt bezeichnet – höchstens 24 Volt im Gerät erlaubt. Wie man auf den Artikelfotos erkennt, wird vor dem Gebrauch durch herzschwache Leute gewarnt, aber fröhlich ein CE-Zeichen draufgeklebt, vermutlich hat den Chinesen jemand erklärt, dass man das draufkleben muss, damit man es in der EU verkaufen darf. Es stecken aber halt noch einige andere Anforderungen hinter einer Konformitätserklärung für Spielzeug, zum Beispiel oben genannte.

Das ganze ist laut den Bußgeld- und Strafvorschriften des Produktsicherheitsgesetzes nicht ganz billig, und zwar nicht nur für den Hersteller, der kaum greifbar sein dürfte, sondern auch für den Importeur und Inverkehrbringer, in dem Fall Amazon.

Auf etwas anderes hebt allerdings ein Volkskundler ab. Der schreibt, dass er sich mit der Entwicklung von Spielen befasst habe. Heute wären Spiele und Spielshows nach dem Prinzip „Einer wird gewinnen” üblich (falls die Sendung noch jemand kennt).

Bei älteren Spielen (bis zu dörflichen Kinderspielen um 1950) sei es jedoch um „Einer wird verlieren” gegangen. ETwa bei „Blinde Kuh”, wo alle sehen und einer der ist, über den die anderen lachen.

Beide liefen auf das Prinzip hinaus, die Spielergemeinschaft gegen einen einzelnen zusammenzuschweißen, aber in einem Fall ist es der Gewinner, im anderen der Verlierer.

Der wesentliche Unterschied ist, dass bei den EWG-Spielen die Gemeinschaft gegen den Sieger zusammengeschweißt wird, das für den aber nicht (so) schlimm ist, weil man ihn nicht entbehren kann und er eben besser ist. Bei EWV-Spielen sieht es für den Verlierer finster aus.

Was mich an etwas erinnert. Ich hatte mal beschrieben, dass ich auf einer Gruppenreise eine dicke Belgierin in der Gruppe hatte, die im Prinzip die ganze Reise über alle gestört und die Reise ruiniert hat, weil die schwer einen an der Waffel hatte und die Reise (Westaustralien, da kann man nicht ausweichen) nutzte, um sich ein Zwangspublikum zu verschaffen. Sie nervte alle, mit ihr das Spiel „Asshole” zu spielen, dessen Regeln so gebaut waren, dass sie immer im Vorteil war, und irgendein anderer am Ende das „Asshole” war, mit dem sich dann keiner mehr abgeben durfte. Ganz klares Einer-wird-Verlieren-Spiel.

Interessanter Aspekt.