Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Katastrophenfall Essen in Neuseeland

Hadmut
21.11.2018 9:57

Der Leser wird vielleicht bemerkt haben, dass meine Meinung von Neuseeland sehr hoch und vor allem deutlich positiv ist.

Dennoch gibt es Anlass zur Kritik.

Also ich sag’s mal unumwunden: Kochen ist nicht ihre Stärke. Die Fresskultur ist eine Katastrophe.

Als ich vor 8 Jahren hier war, litt ich schon darunter, dass es – wenn man nicht gerade in sehr teurer Restaurants geht – eigentlich nur zwei Gerichte gibt: Fish and Chips und Burger and Chips. Ess ich zwar beides sehr gerne, aber spätestens am dritten Tag kann man das nicht mehr sehen, kommt’s einem zu den Ohren wieder raus.

Nur gab es damals noch sehr viele Japaner hier (ist ja auch nicht weit weg), und in meiner Not hatte ich mir damals das Sushi-Essen angewöhnt, obwohl ich das bis dahin gar nicht auf meinem Fresszettel hatte, weil das damals überall als günstig und gesund angepriesen wurde. Kann man auch mehrere Tage essen, ohne dessen gleich überdrüssig zu werden, und liegt nicht so schwer im Magen. Außerdem ist mir der Sushi-Geschmack dann einfach angenehmer, vor allem mit Ingwer, Wasabi, Soja-Soße, als immer dieser Fettgeschmack und die fetten Fritten oder Burger-Brötchen.

Die Japaner gibt’s kaum noch. Schon, aber schwer zu finden. Und Sushi auch nur noch im Nebenangebot. Heute war ich bei einem. Gruselig. Ich hatte was mit knusprigem Hähnchen, das auch eigentlich ganz gut geschmeckt hat, aber man bekommt inzwischen hier einfach alles auf Plastik-Wegwerfteller mit Plastikgabel. Egal, ob man es mitnimmt oder dort isst. Immer wenn ich hier bei Asiaten (auch Chinesen) nach Chopsticks frage, gucken die mich an, als käme ich vom Mars. Ja…da müssen wir mal schauen … oh, ja hier hinten im Schrank, da lagen noch ein paar rum, so leicht angegammelte aus dem vorigen Jahrhundert. Getränke gibt’s dazu auch stets in der Blechdose. Heute war’s dann zuviel für mich: Ich nehme ja gerne zum Essen eine Miso-Suppe dazu. Bei meinem Berliner Stamm-Sushi-Laden beim Arbeitsplatz um die Ecke bekomme ich die in so einem asiatischen Schüsselchen mit einem asiatischen Löffelchen aus Porzellan. Hier bekam ich die Miso-Suppe in so einem Coffee-To-Go-Becher mit so einem Plastikdeckel mit Trinkloch drin obendrauf. Da ist dann das Ende meines guten Willens erreicht. Die hat dann auch nicht geschmeckt. Suppe to go. Geht gar nicht.

Auch mit Chinesen habe ich kein großes Glück, ich leide hier am Chinesenmannsyndrom.

Oder um es genauer zu sagen: Chinesisches Essen ist eigentlich nur in der Europa-Edition zu gebrauchen.

Der Haken ist nämlich, und davon habe ich mich ja nicht nur auf etlichen Reisen auch nach Australien, Malaysia, Singapur usw., sondern vor Jahren auch direkt in Peking davon überzeugt, dass der Chinese als solcher unsere Esskultur so nicht kennt. Also so „Mach mir mal einen Teller voll guter Sachen, nach dem Schema was Leckeres, was Gesund-Gemüsiges, und eine Sättigungsbeilage” gibt’s da eigentlich nicht. Man bestellt sich eine Schüssel von irgendwas, und bekommt dann genau das: Eine Schüssel mit eben dem, was man bestellt hat, und sonst gar nichts. Weil Chinesen so eigentlich immer nur im Dutzend ins Restaurant gehen, und sich ihr Essen darüber zusammenstellen, dass sie sich alle zusammen eine große Schüssel davon und noch eine davon, auch eine davon und bei dieser Gelegenheite gerne auch eine davon bestellen, und dann landen die Schüssel auf einer Drehscheibe auf der Mitte des Tisches, und jeder nimmt sich aus jeder Schüssel was. Dass das im Straßenimbiss hier nicht funktioniert, kapieren die irgendwie nicht.

Ich kam also die Tage zum Chinesenmann und fand auf der Speisekarte, was mir mundet, das Lemon-Honey-Chicken, und bestellte das, wurde aber aus Erfahrung und Beobachtung anderer Gäste schon misstrauisch. Ob da noch irgendwas dabei wäre, fragte ich. Freundlich lächelnd erklärte man mir, dass nein, aber wenn ich dies wünsche, ich selbstverständlich etwas „steamed rice” (also den normalen gedämpften Reis) dazuhaben könne. Was soweit chinesischen Sitten und Gebräuchen entspricht, denn, so habe ich mir in Peking erklären und mich damit verwundern lassen, der Chinese an und für sich frisst eigentlich keinen Reis, wenn er nicht muss. Das erstaunt, denn ich bin mit dem Bild aufgewachsen, dass Chinesen unentwegt Reis und sonst eigentlich nichts fressen (außerdem Fahrrad fahren, dreieckige Hüte aufhaben, Mao-Anzüge tragen und ständig dämlich grinsen), und so erklärte mir unser Chinesenmann damals in bestem Deutsch (denn er hatte in Deutschland studiert), dass mein Bild auch völlig korrekt gewesen sei, genau so habe es sich just zur Zeit meiner Kindheit auch verhalten, meine Vorstellung sei ebenso beknackt wie leider voll zutreffend, aber nicht, weil der Chinesenmann an und für sich das so toll fände, sondern eben weil man musste und nichts anderes habe. Er könne mir aber zur Aufrechterhaltung meiner Kindheitsauffassung aus vollem Herzen versichern, dass er leidenschaftlich gerne und auf jeder von ihm geleiteten Tour lauthals „Drei Chinesen mit dem Kontrabass” singe. Reis, so wurde ich weiterhin aufgeklärt, sei in den Augen des Nach-maoistischen Luxus-Chinesen billigstes Sättigungsmittel unterhalb seiner Würde und stände dafür, dass man sich keine Mahlzeit aus vollständig gutem Essen leisten könne. Deshalb würden wohlhabende Chinesen keinen Reis zum Essen nehmen, was zumindest früher so war, inzwischen aber gewissen umdenken unterliege, weil der wohlhabende Chinese als solcher sich leidenschaftlich gerne am Westen orientiere und zu seiner Verwunderung feststelle, dass der Wessi zum chinesischen Essen Reis verlangt, weil Reis ihm einfach schmecke. (Mir auch, was mich selbst erstaunt, weil Reis etwas war, was ich in der Kindheit als Folter auffasste, und ich auch heute den körnigen Reis oder solchen Uncle-Bens-Reis ganz schrecklich finde. Den hellen, klebrig-klumpigen Asiatenreis dagegen mag ich. (Und das geschmacklich ähnlich liegende afrikanische Bab auch.) Dementsprechend herrscht bei vielen Asiaten die Sitte, Reis nur auf ausdrücklichen Wunsch herauszugeben, weil man es als geringschätzige Beleidigung des Gastes auffassen könnte, wenn die Küche ihm ungefragt Reis servierte, es könnte bedeuten, dass man den Gast nicht für zahlungskräftig genug hält, sich eine normale Mahlzeit zu leisten. Insofern entspricht es kulturellen Gepflogenheiten, dass man mir Reis kostenlos, aber erst auf Nachfrage anbot.

Hilflos und erstaunt zeigte man sich jedoch, als ich nach Gemüse als Beilage fragte. Wie ich das denn jetzt meinte … vegetables … oder sonstirgendwas pflanzliches? Wie meinen Sie das, sie wollen noch was anderes dazu? Wenn Ihnen Lemon Chicken nicht schmeckt, dann bestellen sie doch was anderes! (Was das Problem nicht geändert hätte, das war immer so.) Ich bekam das dann eingepackt, zum Mitnehmen, und habe mich halt in mein Wohnmobil gesetzt, um einen Berg Lemon Honey Chicken mit trocken Reis zu fressen. Eigentlich war das auch gar nicht schlecht, es war wirklich gut gekocht, aber nur das Chicken auf Reis, ohne irgendwas dazu, dass schmeckt nach der dritten Gabel dann irgendwie auch nicht mehr. Wenn es wenigstens noch etwas süß-sauer-Soße gewesen wäre, die mit Reis gut schmeckt, aber sowas kennen sie da eigentlich auch nicht, das auch eher so eine europäische Anpassung. Weil’s ohnehin zuviel war, habe ich nur die Hälfte gegessen und mir gedacht, den Rest kannste ja mit der Mikrowelle abends nochmal aufwärmen, das dann vergessen und es am nächsten Morgen in den Müll gegeben.

Apropos Hälfte:

Araber und Türken gibt es hier fast nicht, aber neulich bin ich mal auf einen Dönermann gestoßen. Gleich mal einen bestellt. War eigentlich nicht nicht schlecht, aber nicht billig und der gesamte Döner in der Brottasche so groß wie meine Handfläche. So ein Mini-Döner. Dafür würde er in Berlin verprügelt.

In einem Hafenort, Nähe am Wasser, ereilte mich ein Hunger, und wie immer in Neuseeland gab es in den Straßenrestaurants und den „Take Aways” – na was schon? – Fish and Chips und Burger mit Chips. Im Laden nebendran immerhin mal Pizza. Also habe ich mir einen Hawaiian Burger bestellt (der hier aus unerfindlichen Gründen mit Ananas und roter Bete gemacht wird, und Burger mit roter Bete einfach australisch und nicht hawaiianisch sind, es ist mir aber egal, ich esse Ananas und auch rote Bete auf dem Burger sehr, sehr gerne, egal, wie der dann heißt, das schmeckt so schön saftig-fruchtig) und um etwas Abwechslung ins Spiel zu bringen, mal diese Potato Wedges (Kartoffel-Spalten) statt Pommes. Pommes sind hier normalerweise schon riesengroß und nur grob geschnitten, diese Wedges ähnlich, aber anders gemacht, schmecken etwas anders. In beiden Fällen werden sie im Beutel geliefert, eigentlich ein kleiner Sack voll. Ich hatte neulich beschrieben, dass an den Kleidungsstücken, die ich mir gekauft habe, Etiketten hingen, die deutlich darauf hinwiesen, dass alle diese Kleidungsstücke auch bix zur Größe 6XL erhältlich wären (ein kundiger Leser teilte mit, dass 5XL ein Zirkuszelt sei). Nun weiß ich warum.

Ich ging also mit meinem australischen Hawaii-Burger im Beutel und diesem Säckchen voller Potato-Wedges zum nächsten Tisch, legte sie ab, drehte mich aber um, um mir noch eine Gabel zu holen. (Eine Plastik-Gabel, was sonst…) Die standen zwar auf der Theke in einem Becher direkt zum Nehmen, aber ich hatte alle Hände voll. Und zwischen Tisch und Theke lagen nur 3 oder 4 Meter, das erschien mir als überschaubar und zumutbar, erst mal das Zeug auf den Tisch zu legen und mir dann die Gabel zu holen.

Aber ach.

Das war ein Fehler.

Kaum drehte ich mir rum, stürzte aus dem Nichts und ohne jede Vorankündigung ein halbes Dutzend der kleinen Mövenart, die es hier gibt, im Sturzflug auf die Tüte mit den Wedges. Vielleicht dachten sie, ich hätte die Tüte aufgegeben, weil ich mich wegdrehte und ging, vielleicht waren es auch nur freche Diebe, wer weiß das schon. So schnell konnte man gar nicht gucken, wie sich die Möven auf die Tüte stürzten und sich jede mindestens einen dieser Wedges schnappten, eine flog mit dreien davon, die aneinander pappten. Nur der blitzschnellen (aber ungelenken) Reaktion einer Frau am Nachbartisch war es zu verdanken, dass sie die Möven verjagte, indem sie mit den Armen wedelte, wobei die Möven die Tüte vom Tisch rissen, während es nur meiner eigenen blitzschnellen (und höchst eleganten) Reaktion zu verdanken war, dass ich die Tüte noch rechtzeitig greifen und vor dem Absturz bewahren konnte, um wenigstens die Hälfte der Wedges noch zu haben (was immer noch zuviel war).

Selbst in besseren Restaurants denkt man sich oft, naja, also die hohe Schule ds Kochens ist das nicht. Ich habe gestern unterwegs an einem schön gemachten Restaurant, das extra Werbung für Mittagessen machte und sich „Tavern” nannte, für ein Mittagessen angehalten, und alles, was sie hatten, war eigentlich Verlängerung dicker Frühstücke. Ich habe dann etwas bestellt, was sich als so eine Art geröstes/getoastetes Brot mit Spinat, gebratenem Speck und Spiegelei herausstellte und eigentlich auch ziemlich gut schmeckte, aber so irgendwie toll Kochen ist das nicht, das hätte ich eher so zwischen Studentenfutter und Truckerkneipe eingestuft.

Die Alternative wäre selbst zu kochen.

Viele Kochen selbst. In den Campern, immerhin habe ich da – außer einer Spülmaschine – alles dabei, was man bräuchte, sogar einen Toaster, auch einen Riesen-Kühlschrank, und man sieht viele Camper, die in ihren Wohnmobilen oder den Campingplatzküchen fleißig kochen. Neulich habe ich welche in so einem Mini-Campter ohne richtige Küche gesehen, die habe sich einfach in einem Park auf die hier üblichen Parkbänke mit Tischen dazwischen gesetzt, den Gaskocher aufgestellt und da ihr Zeugs geschnippelt und gekocht.

Und so riecht es aus den offenen Türen mancher Wohnmobile und den Campingplatzküchen häufig sehr lecker. Aber: Immer gleich. Sie machen immer alles das gleiche. Immer angebratener Speck bzw. dieser Frühstücksschinken. Da kennen die kein Erbarmen. (Ich war zutiefst erstaunt, als ich feststellte, dass der Greywater-Abfluss an meinem Wohnmobil verstopft war, der Sache auf den Grund ging, und bei brachialer Freisetzung des Auslassventils eine Ladung Haferflocken ans Licht beförderte. Wer isst denn hier Haferflocken? Das Wohnmobil müssen zuvor Deutsche gefahren sein.)

So richtig Lust habe ich darauf aber auch nicht. Mal abgesehen davon, dass ich ein hundsmiserabler Koch bin: Ich habe einfach keine Lust, meine Zeit mit Kochen zu vertun, wenn ich im Urlaub bin. An einem öden Tag zuhause gerne, aber doch nicht auf Reisen. Zumal ich hier zwar einen großen Kühlschrank im Wohnmobil habe, aber keinerlei Lust, ihn in Betrieb zu nehmen. Als man ihn bei der Fahrzeugübergabe einschalten wollte, aber ich das ablehnte, fragte man mich verwundert, wie ich denn mein Bier kalt halten wollte, worauf ich zu deren völliger Verständnislosigkeit sagte, dass ich kein Bier tränke. Gut, auch andere Getränke schmecken kühl besser, aber ich kann Kühlschrankgeräusche im Schlafzimmer nun wirklich gar nicht ab, das nervt mich enorm, auch in Hotelzimmern mit aufdringlicher Mini-Bar schalte ich die gerne ab, und den Akku-Strom wollte ich mir auch für wichtigeres bewahren. Ich zwar zwar bisher nur einmal für zwei Tage hinterheinander ohne Campingplatz und Stromversorgung, und bin da auch weit gefahren, was die Batterien auflud, aber Stromverschwendung für einen Kühlschrank, den ich nicht brauche…

Das Problem ist nämlich auch: Was reintun?

In den größeren Ortschaften mit vielen Einwohnen findet man die großen Supermärkte, da gibt es alles. Kommt man aber raus auf’s Land und in die kleineren Käffer, dann gibt es dort – wenn überhaupt – höchstens so kleine, von Indern betriebene Food Markets, bei denen mir immer auffällt, dass es da in der Regel gar nichts oder nur in Ausnahmen irendwas frisches gibt. Die sind mangels Kundschaft immer so befüllt, dass das alles auch mal zwei Monate liegen kann, bis es gekauft wird: Konserven, Tiefkühlzeugs, verpackte Kekse, eingeplastikte Dauerkuchen und sowas. Neulich hatte mal einer frische Erdbeeren, da habe ich gleich zugeschlagen. Sich da die Karre mit Lebensmitteln zum Kochen aufzumunitionieren ist schon eine logistische Aufgabe, bei der der Kühlschrank permanent laufen muss. Nicht mein Ding.

Und so muss ich leider sagen, dass diese Reise – so schön sie in anderen Hinsichten auch ist – in kulinarischer Hinsicht eher öde ausfällt. Da wird Neuseeland von Urlaubszielen wie Namibia oder Kapstadt um Längen geschlagen. Kochen ist wirklich nicht ihre Stärke, und das ständige Fressen vom Wegwerfgeschirr, Saufen aus Blechdosen und Burger mit Chips lässt da auch auf eine verkümmerte Esskultur schließen.

Aber man kann nicht alles haben. Und ich wusste es ja vorher.