Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Ausgeschwefelt

Hadmut
9.11.2018 10:47

Das war der letzte Tag in Roturua.

Das Wetter macht gerade nicht so mit.

Deshalb habe ich heute morgen mal ausgeschlafen und dann die Position des Camping-Platzes genutzt, der direkt neben dem Maori-Dorf und der Zentralattraktion, dem Geysir liegt, und bin die paar Meter dorthin gefahren.

An der Rezeption des Campingplatzes habe ich übrigens Seltsames festgestellt:

Wie üblich erklären sie einem alles, wohin man würde wollen können, anhand von kleinen gedruckten Umgebungslandkarten, auf denen sie wie wild mit dem Kuli rumschribbeln. Wie meistens fing es mit „You are here” an. Als ich genau hingucke, steht da irgendwas von irgendeinem „Institute of Technology”. Ich frage halb verblüfft, halb amüsiert, warum da Institute of Technology und nicht der Name des Campingplatzes steht. Antwort: Denen gehört das Grundstück und der Campingplatz, die betreiben das ganze. Ach.

Bei der Gelegenheit konnte ich mir nicht verkneifen, eine ihrer Fahrradkarten zu kaufen, obwohl ich ja morgen früh woanders hin fahre und hier Fahrrad weder habe noch fahre. Sie drucken ihre Radkarten auf Stofftücher, wie bei uns die Taschen- oder Brillenputztücher, etwas größer als A4. Wasserfest, knittert nicht, kann man in die Tasche knüllen und stopfen, wie man will, auch beim Radfahren, und kommt an von der Radtour zurück, steckt man sie einfach mit in die Waschmaschine.

Dafür habe ich dann noch einen Rabattguschein über 10% für die Eintrittskarte in den Maori-Park bekommen, der nämlich sindhaft teuer ist, ich habe die dicke Combo-Karte mit der Abendveranstaltung genommen. Die kostet normal sowas um die 160 Dollar, aber dafür ist dann auch die Abend-Show mitsamt ausgiebigem Abendessen mit dabei.

Die Sache ist die:

Es gibt hier zwei Maori-Dorf-Hälften. Ursprünglich war das mal eines, aber man hat es in zweie getrennt. Streit wollen sie es nicht nennen, es läuft so auf unterschiedliche Auffassungen davon hinaus, wie man sich nach außen darstellen will. In der einen Hälfte war ich vor 8 Jahren. In der anderen war ich dann heute. Die andere, in der ich vor 8 Jahren war, lässt es einfacher, authentischer angehen und will einfach ein Maori-Dorf sein, das man besichtigen kann. Als ich da war, spielten da die Kinder, und da wohnen eben Leute.

In der anderern Hälfte, in der ich heute war, ist eigentlich alles unnatürlich, es geht fast wie in einem industriellen Freizeitpark zu. Einer, mit dem ich gesprochen habe, gab auch unumwunden zu, dass sie hier eine Tourist Attraction betreiben. Dafür gibt’s da dann Restaurants, eine große professionelle Schnitzereischule, ganz modern eingerichtet, durch die man laufen und den Leuten beim Schnitzen von oben über die Schulter schauen kann.

Verblüffenderweise habe ich dabei einige der Tänzer, die gestern abend in der Innenstadt die Show gemacht haben, hier wieder gesehen. Und mal einen vom Bodenpersonal deshalb gefragt. Ja, meint er, das sei oft so, dass die für verschiedene Firmen arbeiten. Ach. Freiberufliche edle Wilde?

Ausgerechnet den Superspaßvogel und das herausragende Showtalent unter den Kriegern von gestern abend habe ich dann hier in Zivil getroffen, mich fein für die tolle Show bedankt und versichert, dass sie mir sehr gefallen hat, und mich dafür kurz mit ihm unterhalten. Wie auch in allen anderen Kampfsportarten trainieren sie das intensiv (sieht man ihnen auch an) und sie haben regelrechte Übungswochen für Kinder und Jugendliche, wie in den anderen Kampfsportarten auch. Dort gehe es richtig anstrengend zur Sache.

Naja, und dann schaut man sich das eben so an.

Ich war im finsteren Kiwi-Haus, in dem man unter Nacht-Bedigungen (heißt: finster, man sieht fast nichts) Kiwis (die Vögel) sehen können soll. Obwohl ich schon das dritte Mal in Neuseeland bin, habe ich noch nie einen lebenden Kiwi selbst gesehen. Immer wenn ich komme, verstecken die sich. Ich war sogar mal auf einer geführten Nachtwanderung zu den Viechern, gehört habe ich sie, gesehen nicht. Diesmal auch nicht. Die sind in ihrer Box geblieben, hieß es. Dafür ein ganz elendes Gedrängel und Geschubse, eine chinesische Reisegruppe war mit drin. Und die können sich nicht benehmen. Alle quatschen sie laut rum, obwohl draußen steht, man solle ruhig sein. Was machen sie, wenn es dunkel ist? Sie machen ihre Handys an, um zu leuchten, obwohl draußen steht, dass man genau das nicht darf. Außerdem scheinen sie mit Dunkelheit sowieso überfordert zu sein. Ständig wird man angerempelt oder im Ganzkörperkontakt weggedrückt. Es ist unglaublich, wie die sich danebenbenehmen. Und auch nicht aufhören, wenn sie in jemanden reingelaufen sind, die drücken dann immer mehr. Nachdem verbale Aufforderungen nichts fruchteten und die immer aufdringlicher wurden, so ganz unverschämt und mit viel Kraft gedrückt wurde, anstatt weiterzugehen, habe ich zwei, dreimal meinen Ellenbogen eingesetzt. Anders als auf die schmerzhafte Weise konnte man sich gegen diese dumme Masse nicht wehren. Und dann wundern die sich, dass man keine Kiwis sieht. Ging mir über die Hutschnur und ich dachte mir, wartet, Euch werde ich heimleuchten. Ich weiß ja nun, wie man Südostasiaten und vor allem Chinesen auf die Zehen tritt. Die sammelten sich draußen, und ich fragte mich zu deren Tour-Guide durch. Und dem habe ich dann mal einen erzählt, dass er seinen Leute gefälligst erziehen und ihnen die Grundformen menschlichen Zusammenlebens erklären möge. Wohl wissend, dass mich wohl eh kaum einer von denen versteht, habe ich es mit den Zeichen versehen, die dort als Ausdruck großer Wut gelten: Wild gestikuliert und die Stimme mit einem tiefen wütenden Grollen angereichert, wütender Blick mit weitschweifigen Beschuldigungsgesten. Wirkung wie erhofft: Die standen da und stierten mich in blankem Entsetzen darüber an, auch die, die mich in der Dunkelheit so bedrängt hatten.

Eine der Tierpflegerinnen hatte das mitbekommen (die haben da drin auch Infrarotüberwachungskameras für den Besuchergang) und gluckste vor Vergnügen. Es sei so toll, dass denen das endlich mal einer sagt, sie selbst dürften es ja nicht.

Auch am Geysir gruselig viele Leute, jeder steht jedem irgendwie im Weg.

Gut. So kurz nach zwei schon war ich mit allem durch und dachte mir, ich würde jetzt nicht bis um 6 rumhocken, sondern ging raus. Sie hatten mir versichert, dass man mit dieser Combo-Karte den Park beliebig oft verlassen und wieder betreten kann. Ich war in der Innenstadt, im polynesischen Spa, heiße schwefelhalte Bäder. Angeblich gut für die Haut, und tatsächlich wirkt sie jetzt, Stunden danach, wie mit Handcreme eingerieben. Weicher, glatter, softer. Man sollte öfter in Schwefelsäure baden. (Im Park sagte mir einer der Guides zu deren Mud Pool, dass man einen Sturz dorthinein nicht überlebe. Das Zeug hat dort 70° und es klebt auf der Haut, man bekommt es schwer wieder ab.

Danach zurück zum Park. Viertel vor 6 war ich am treffpunkt, es hieß aber, viertel nach sechs gehe es dort los. Nun, dachte ich mir, gehste solange noch in den Park, kannst ja mit der Karte bliebig wieder rein. Denkste! Durchlass ging nicht auf. Der Park ist um diese Zeit schon geschlossen. Drinnen waren schon größere Reparatur- und Umbauaktivitäten im Gange.

Ach, meinten sie, warum soll der Mann da jetzt rumstehen, und ließen mich mit einer Mitarbeiter-Karte nochmal rein. 20 Minuten fast verlassener Park.

Nochmal das Kiwi-Haus, diesmal ganz allein für mich. Nur Kiwis habe ich immer noch nicht gesehen.

Und dann der Geysir, der ausgerechne dann losging, als ich da guckte. Der Brüller: Keiner da. Ich stehe an einer der bekanntesten Landesattraktionen, eines der Haupttouristenziele, einer der bwichtigsten Geyire weltweit – und ich habe ihn für mich alleine. Sonst keiner da.