Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Presse und Computer

Hadmut
5.1.2018 19:58

Zwei Welten prallen aufeinander. [Nachtrag 2/Korrektur]

Jemand twitterte mir heute zu Meltdown und Spectre dieses Bild:

Über die Quelle gehen die Angaben auseinander. Die einen sagen, es wäre die Dorstener Zeitung, andere reden – mit identischem Foto – vom „Hellweger Anzeiger”. Echt oder gephotoshoppter hoax?

Und wenn echt: Ernst gemeint oder Glosse?

Immerhin, es riecht echt und ich habe schon so viele Leute erlebt, die so drauf sind. Es passt eigentlich so genau und exakt in das Denkschema dieser Leute: Von nichts ne Ahnung, aber alles auf irgendwelche bösen Absichten zurückführen, so wie die Leute im Mittelalter, die auch alles bösen Geistern, Hexen und Kobolden oder Flüchen und notfalls dem Teufel persönlich anlasteten. Wie Soziologen und Gendertassen, die glauben ja auch so poststrukturalistisch, dass alles nur auf bösen Absichten beruht und man alles einfach wegerziehen kann.

Fehlt eigentlich nur noch, dass man Prozessurbugs darauf zurückführt, dass Prozessoren von bösen weißen Männern entwickelt werden, denen der Datenschutz von „Tausenden Millionen” Menschen (nicht alle können bis Milliarde zählen) egal ist. Die glauben dann wirklich, da sitzen Leuten in den Labors, die sich denken, hey, komm, lass uns einen Bug einbauen um einer Milliarde Leute den Datenschutz kaputt zu machen. Oder da sitzt einer, der verhindert, dass Bugs in Prozessoren gefixt werden, weil der Prozessor dann nicht schön aussieht.

Man kann sich natürlich fragen, ob das Artikelfoto überhaupt echt und jemand wirklich so dämlich sein kann. (Naja, im Zeitalter von Frauenquote, Gleichbezahlung und Gender Studies…).

So wahnsinnig viel besser ist aber beispielsweise Focus auch nicht:

Bei der aktuellen Sicherheitslücke tun sich Parallelen zum Abgasskandal auf. […] Bei „Meltdown“ und „Spectre“ stehen nun vor allem die Hardware-Hersteller wie Intel, AMD und ARM unter Druck. Sie haben leichtfertig in Kauf genommen, dass Verbrauchern Schäden entstehen. Noch schlimmer ist aber, dass es wohl wieder mal nur bei eiligen Software-Updates bleibt. Sie sind das Flickwerk auf der kaputten Straße. Das eigentliche Problem in der Hardware der Mikrochips wird so nicht gelöst.

Die Technologie-Firmen machen Jahr für Jahr Milliarden-Umsätze und Gewinne. Daher müssen sich die Hersteller in solchen Fällen endlich mehr verantworten. Ein kostenloser Prozessor-Austausch wäre eine Idee. Wenn auch sehr aufwändig. Nach „Meltdown“ und „Spectre“ hat nicht weniger als die Stunde Null für unsere moderne digitale Welt geschlagen.

„Leichtfertig in Kauf genommen”?

Ich kann mir als Informatiker so ohne weiteres und nähere Hinweise nicht vorstellen, dass oder warum ein Prozessorhersteller absichtlich oder leichtfertig solche Bugs einbauen sollte. (Backdoors auf Verlangen der NSA sind natürlich denkbar, aber dafür erscheint es mir etwas zu flach und dann wäre es nicht „leichtfertig”.) Es ist ja nicht so wie bei VW Diesel, dass Prozessoren dadurch billiger oder schneller wurden. „In Kauf nehmen” um was zu erreichen? Das heißt ja, dass man etwas als Risiko eingeht, um etwas anderes zu erreichen. Was soll man damit erreichen?

Ein kostenloser Prozessor-Austausch.

Wo sollen die herkommen? Es geht immerhin um Prozessoren der letzten 10 Jahre. Die kann man nicht einfach mal eben so verbessert nachbauen, die Maschinen existieren ja oft gar nicht mehr und die Fabs sind mit neuen Maschinen belegt. Die stellen sich die Herstellung von Prozessoren vor wie Kuchenbacken nach Großmutters Rezept. Wenn Chiphersteller eine funktionierende Chipfabrik haben, dann bauen sie weitere oft möglichst identisch nach, sogar mit gleichem Abstand zwischen den Gebäuden und ähnlichem, damit sich die Fabriken nicht mal beim Abkühlen von Bauteilen zwischen den Arbeitsschritten unterscheiden können. Und dann meinen die, ach, baut doch mal eben die Chips seit 2008 ohne Fehler nach.

Es gab schon mal einen Austausch beim damaligen FDIV-Bug. Aber da ging es um eineinhalb Jahre, der Prozessor war noch aktuell und in der Produktion, und das war 1994, da gab’s noch nicht so viele Computer. Damals wurden eine Million Prozessoren ausgetauscht (was als enorme Resourcenverschwendung eingestuft wurde). Die Zahl der jetzt betroffenen Prozessoren dürfte in der Größenordnung von Milliarden liegen. Irgendwo las ich, dass etwa ein Drittel der Menschheit dauerhaften Zugang zu Computern und Internet hat. Dazu kommen inzwischen riesige Mengen von Computern in Rechenzentren, Cloud Computing und so weiter.

Prozessoren austauschen.

Wie stellt der sich das vor?

Man kann die in iPhones, Tablets, Druckern, Notebooks, Appliances, Küchenmaschinen, Fernsehern, Videorekordern, Autos, und und und nicht einfach mal so austauschen, rausziehen, reinstecken, fertig. Selbst dann, wenn es prinzipiell geht, weil gesockelt, ist das ein enormer Arbeitsaufwand. Wo sollen denn die Fachkräfte und die Arbeitszeit herkommen? Und wieviele Rechner gehen dabei kaputt? Was ist mit Rechnern, die nicht zugänglich sind? Fest eingelötet?

Mit welchem Flugzeug würdet Ihr lieber fliegen? Mit dem Flugzeug, das seit 8 Jahren tadellos fliegt, oder mit dem, bei dem heute morgen ein Techniker mal schnell die Klappe aufgemacht einen Prozessor rausgezogen und einen anderen reingesteckt, bisschen Wärmeleitpaste draufgegeben und das schnell wieder zusammengesteckt hat? Ach, sagt Ihr, so geht’s natürlich nicht, das muss von einem geprüften Fachbetrieb nach Herstellervorgaben in der Werkstatt getauscht und geprüft werden? Bis dahin ist der BER längst eröffnet.

Davon abgesehen: Intel brauchte 10 Jahre, um die Prozessoren der letzten 10 Jahre herzustellen (seltsamer Zufall, was?). Wie lange dürften sie wohl brauchen, um die Fehler zu beheben und sie nochmal herzustellen? Na? Wenn, wie der Focus das gerne hätte, das anstelle eines Softwarepatches passieren solle, müssten sie die ja in 2 Wochen hinbekommen.

Die tischen den Leuten was auf… wie üblich keine Ahnung, alles moralisieren und aus Laiensicht fordern.

Es ist nur ein paar Tage her, da war die ganze Presse noch auf dem Blockchain-Trip, da wollten sie noch unser Geld und unsere Grundbücher in die Blockchain schieben, weil doch heute alles durchdigitalisiert sein muss. Das sei die Zukunft, da gäb’s kein dran vorbei.

Nachtrag:

Ein Leser merkt an, dass die Dame von der Presse anscheinend ziemliche Probleme mit Deutsch und Englisch hat, denn es höre sich danach an, dass sie das auf englisch gelesen und nicht verstanden hat, dass das englische Wort design nicht die gleiche Bedeutung wie das deutsche Wort Design hat. Außerdem kennt sie den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend nicht.

Naja, wie gesagt, Presse des 21. Jahrhunderts, Bildungsnotstand, Frauenquote und so. „Tausende Millionen…”

Nachtrag 2: Kein Fake. Ist auf der Webseite des Hellweger Anzeigers zu sehen.

Korrektur/Kleine Ehrenrettung: Diverse Leser wiesen darauf hin, dass zwischen Tausenden, Millionen Menschen ein Komma steht, das vom roten Kringel verdeckt wird. Der Vorhalt war also unberechtigt. Schlauer wird’s trotzdem nicht.