Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

„Asoziales Proletenpack!”

Hadmut
22.12.2017 22:08

Neues aus dem Supermarkt um die Ecke.

Eigentlich wäre die Sache für sich betrachtet keiner Erwähnung, nicht mal der Erinnerung wert. Aber weil ich schon einige Erlebnisse mit „Neubürgern mit Migrationshintergrund” im Supermarkt um die Ecke geschildert habe, ist es einfach ein Gebot der Fairness, auch zu erzählen, wenn es mal andersherum läuft.

Mein Tag war entspannt und geruhsam. Am Arbeitsplatz war schon kaum noch jemand da und die paar, die noch reingekommen sind, haben auch nicht mehr viel mehr getan, als noch miteinander essen zu gehen, sich frohe Weihnachten zu wünschen, zu schauen, ob die Fenster alle zu sind und früher zu gehen.

Ich habe die Zeit genutzt, um noch ein kleines Nachmittagsschläfchen zu begehen und dann in aller Ruhe (ich gehe hier lieber mehrmals mit der Einkaufstasche, statt mit dem Auto zu fahren, weil ich mehrere Supermärkte/Discounter in unmittelbarer Nähe habe, und das einfacher ist als das Auto rauszuholen und mir dort einen Parkplatz zu suchen, zumal der Weg von der Wohnung zum Auto und dann vom Auto in den Supermarkt auch nicht kürzer ist, als wenn ich gleich direkt hingehe.) Und so war ich vorher noch in zwei anderen Supermärkten, so etwas planlos (= ohne konkrete Einkaufsliste) um zu schauen, was es da gibt, was sie haben, um meinen Abschlusseinkauf im Stammdiscounter um die Ecke zu machen. Der, von dem ich immer meine Geschichte schreibe.

War nicht viel los, alles ruhig und friedlich, und weil ich keinen Einkaufszettel hatte (habe ich eigentlich nie) bin ich da auch etwas ungeordnet hin- und hergelaufen, um einzusammeln, was mir gerade in den Sinn kam. Ist nicht effizient und dauert, aber so kaufe ich eben ein, und ich war ja in Ruhe und entspannt, hatte es nicht eilig. Gelegentlich halte ich einen kurzen Plausch mit einer der Mitarbeiterinnen, aber die war heute nicht da. Alles ruhig, alles entspannt, alles friedlich, ich hatte beliebig Zeit und an dem Abend nichts konkretes mehr vor.

Erdbeermilch.

Als ich gerade so fertig war, fällt mir ein, ich könnte ja noch Erdbeermilch mitnehmen. Trinke ich hin und wieder gerne mal, wenn ich wochenends so am Computer sitze und vor mich hinblogge.

Die Erdbeermilch steht in diesem Supermarkt in der Milchkühltheke. Und zwar in der Ecke, ganz hinten in der Raumecke, wo die Kühltheke so um die Ecke geht, links der Ecke Joghurt und Pudding, rechts der Ecke Milch und Butter und sowas.

In der Ecke stand ein Mann. Befasste sich intensiv mit dem Joghurt links der Ecke, hielt dabei aber mit der rechten Hand so hinter sich den Einkaufswagen am gestreckten Arm, der damit also vor der Erdbeermilch stand. Da kam man auf beiden Seiten nicht dran vorbei.

Ich wartete.

Ich wartete etwas länger.

Er schien sich nicht entscheiden zu können. Ich hatte aber den Eindruck, dass er mich aus den Augenwinkeln gesehen hatte. Und irgendwie kam mir das so vor, dass der die Ecke da länger blockierte, als es notwendig war.

„Entschuldigen Sie, könnte ich bitte kurz an die Erdbeermilch…?”

Ich fragte freundlich, denn ich wollte den ja eigentlich auch nicht stören, das war mir ja eigentlich völlig egal, was der da macht, zumal ich ja genau wusste, was ich wollte, und das schon gesehen hatte. Für mich war das nur ein Griff in Augenhöhe, mehr als eine Sekunde hätte ich da nicht gebraucht.

Keine Reaktion.

Oder sagen wir fast keine. Ich hatte so den Eindruck, als ob der den Einkaufswagen fester griff und mich bewusst ignorierte, also mich so ganz bewusst nicht anschaute, sondern in den Augenwinkeln hielt. Ich habe in dem Moment aber nicht darüber nachgedacht, weil ich in Gedanken bei der Frage war, ob ich mir noch den Standmixer aus dem Sonderangebot kaufen sollte, um meine Fruchtmilch zum Bloggen künftig selbst zu machen.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn man so den Eindruck hat, dass einen jemand anderes ganz bewusst ignoriert, so tut, als würde er einen nicht hören, um einen so rangordnungsartig warten zu lassen?

Allerdings dachte ich rational eher daran, dass es auch harmlos sein kann, der Mann vielleicht schwerhörig ist oder – passend zum typischen Publikum – schlicht nicht versteht, was ich sage, oder sich gar nicht angesprochen gefühlt habe. Ich hatte es auch sehr freundlich gesagt.

Nachdem wieder nichts passierte und der sich da zu viel Zeit ließ, sagte ich es noch einmal, aber diesmal etwas lauter und bestimmter.

„Entschuldigen Sie, kann ich bitte kurz an die Erdbeermilch…?”

Er drehte sich um, schaute mich sehr böse an, vom Blick her geladen auf 180.

Eindeutig ein Deutscher, etwa 1,80 groß, schlank, so vielleicht Mitte 40, gepflegte Erscheinung, zwar Pullover, aber ein teuerer, nicht abgenutzter. Insgesamt für die Gegend zu gut gekleidet. Brille im Business-Stil. Sah alles neu, akademisch, aus. Schon irgendwie oberer Mittelstand. Vom Aussehen. Nicht vom Benehmen.

Er machte mir zwar dann Platz und ich holte mir die Erdbeermilch, er fauchte mich aber in einem unsäglichen Belehrungston an, wortwörtlich bekomme ich es jetzt nicht mehr zusammen, aber dass ich zu warten hätte, bis er fertig sei, hier hätte man zu warten, bis der der dran ist, fertig sei, und ich hätte überhaupt keinen Anspruch darauf, ihn da zu verdrängen. Ich warf ein, dass ich nur kurz eine Milch nehmen wollte. Nein, ich hätte gefälligst zu warten, bis er fertig sei, egal wie lange es dauert.

Mir gingen diverse Sachen durch den Kopf, die ich ihm argumentativ gerne entgegengehalten hätte, etwa dass die Art der Entnahme der Ladeninhaber per Hausrecht und nicht er festlegt, oder dass alle Kunden einkaufen können müssen und das Öffnungszeiten nicht reichen, wenn sich jeder so aufführt wie er. Ich hatte aber gerade überhaupt keine Lust, mich mit dem Deppen zu streiten, und sagte nur „Deshalb habe ich ja bitte gesagt, deshalb war es ja eine Bitte. Ich habe Sie darum gebeten”. Und setzte dabei so ein bewusst freundliches Gesicht auf. (Signal: Du bist für mich nicht satisfaktionsfähig, mit Dir streite ich mich nicht.)

Inzwischen hatte ich meine Milch schon in der Einkaufstasche und wollte wieder weg, aber der ließ nicht locker, der suchte Streit. Der war nicht nur ganz übel drauf, der brauchte geradezu eine Auseinandersetzung, und jetzt hatte ich den Eindruck, der hatte es bewusst drauf ankommen lassen.

Mein Tonfall habe ihm nicht gepasst, brüllte er inzwischen, mittlerweile guckten die anderen Kunden außenherum. Mmmh, dachte ich, er hat mich also schon gehört und wahrgenommen. Ich hätte gefälligst zu warten, bis er fertig ist, brüllte der. „Oh, Entschuldigen Sie bitte”, antwortete ich so künstlich-freundlich, „ich wusste ja nicht, dass es Ihr Supermarkt ist.”

Wollte eigentlich auch schon weg sein, war auch schon vier, fünf Meter weg, als der auf einmal auf mich zukam, Drohgebärde, Scheinangriff, als wollte der mich frontal angreifen. Blieb so direkt vor mir auf Provokationsdistanz, innerhalb dieses Umfeldes, in das man ein Eindringen als Bedrohung wahrnimmt, stehen und gestikulierte drohend. Ich fragte, was genau jetzt eigentlich das Problem sei. Ob er es nicht ertrage, andere vorbeizulassen. Oder einen Weihnachtskoller habe. (Die Polizei berichtet ja immer, dass es an Weihnachten die meisten Familienstreitigkeiten gibt. Einen Moment hatte ich überlegt, ob der angesoffen ist, aber der war völlig nüchtern, der suchte nur irgendwo Streit.)

Und dann wurde der richtig laut. Brüllte mich mit „Asoziales Proletenpack!” an. Alle guckten. Meine spontane Antwort wäre gewesen, dass das falsch sei, weil „Pack” immer eine Mehrheit von Leuten impliziere, ich aber nur einer sei. Ich hatte aber keine Lust, mich mit dem Deppen noch auseinanderzusetzen, zumal der offenkundig auf eine Rangelei aus war. Ich bin einfach gegangen.

Ich habe noch den Standmixer aus dem Sonderangebot geholt und bin an die Kasse gegangen.

Und wie ich so in der Kassenschlange warte, ging mir das durch den Kopf.

Genau das, was die Polizei immer sagt: Die Leute sind im Stress, auf 180, und dann zwei, drei (jetzt vier) Tage zusammengepfercht, das gibt Mord und Totschlag. Wenn der am Freitag abend schon so drauf ist, dann wird Weihnachten mit dem die Hölle. Vielleicht hat er sich mit seiner Alten gezankt. Mir egal, bloß weg.

Aber dann ist mir was aufgefallen.

Mir ging die Frage durch den Kopf, warum ein – von seinem unmöglichen Benehmen mal abgesehen – ansonsten gutsituierter und gepflegter Deutscher zu mir „Asoziales Proletenpack!” sagt. Asozial war ja nur er, er hat das Ding blockiert, mich beleidigt und mit körperlichen Drohgebärden und Scheinangriffen garbeitet. Zum Proleten habe ich auch keinen Anlass gegeben. Und „Pack” ist eben ein Wort, dass zwar grammatikalisch nur im Singular vorkommt (die Päcker gibt’s theoretisch schon, aber nie gehört), aber immer eine Mehrzahl von Leuten gedanklich voraussetzt. Ist es die Komik der Situation, dass der Schnösel mich Proleten nennt, aber selbst schon an der Grammatik seiner Beleidigung scheitert?

Bis mir aufging, wie das gemeint war.

Ich laufe in Berlin nicht sonderlich vornehm angezogen herum. Heißt: Solange ich hier keinen besonderen Grund habe, den Schlips anzulegen, trage ich hier eher meine alten Klamotten auf, für die Berliner U-Bahn mehr als gut genug. Abgewetzte Jeans, und ich hatte gerade einen ziemlich alten Fleece-Pullover an, und meine Alltagsjacke ist – Berlin eben – auch nicht die edelste. Dazu – mich friert’s winters an der Stirnglatze – meine uralte, abgetragene, aber sehr gute Winterkappe. Während des Vorfalls liefen hinter mir – es war mir aufgefallen, weil sie so entsetzt guckten – einige türkische oder arabische Leute herum, die aber völlig unauffällig waren und sich ganz normal und völlig beanstandungsfrei und unauffällig benommen hatten. Normale Leute, die nur einkaufen gehen und sonst nichts. Offenbar hatte der angenommen, dass ich zu denen gehöre und mich für einen Migranten gehalten. Und das „Asoziales Proletenpack” war tatsächlich im Plural gemeint und auf eine Mehrheit von Personen bezogen, nämlich mich und die.

Und deshalb wohl auch dieser oberlehrerhaft-herablassende Belehrungston von wegen „hier hat man…” und dieses krampfhafte Rangordnungsgehabe.

Das muss man dann halt auch sehen, dass solche Leute mit ihrem Auftreten auch nicht geeignet sind, zu einer friedlichen Gesellschaft beizutragen, und zu Abschottung und Feindseligkeit beitragen.

Gewisslich wird der Mann die nächsten vier Tage genau so verbringen, wie er es verdient hat. Und vermutlich nicht nur diese Tage.

Was ich aber beobachte, ist diese zunehmende Konfliktsucht, die hier schon in Alltagssituationen immer häufiger auftritt, und die ich in den vorangegangenen 50 Jahren meines Lebens so nicht erlebt habe, nicht mal hier im selben Supermarkt. Das schaukelt sich immer stärker hoch, und ich beobachte das auch als Unbeteiligter immer öfter. Die Leute beharren immer öfter auf irgendetwas, was sie für ihr Recht halten (weder der heute, noch die in den früheren Erlebnissen, die ich hier im Blog beschrieben habe, hatten tatsächlich recht, sondern bildeten sich ihr Recht nur ein), sind überhaupt nicht mehr in der Lage, eine Situation pragmatisch oder im sozialen Gespräch zu klären. Und immer hat es mit Territorien zu tun. Der, der die Kassiererin angriff, weil sie seiner Meinung nach einen anderen Muslim falsch angesehen hatte. Der, der mich angegriffen hatte, weil er meinte, dass ich nicht „Scheiße” sagen dürfe, wenn sein Sohn in Hörweite ist. Oder der heute, der meint, die Milchtheke sei seine und sein Einkaufswagen sein Bollwerk.

Es läuft immer auf das gleiche Syndrom hinaus: Eine völlig überzogene Verteidigung eines eingebildeten, tatsächlich nicht existierenden Territoriums, und der Angriff und Eingriff in das Territorium des anderen, durch Annäherung, Anrempeln, Gesichtsvorschriften.

Wisst Ihr, wo ich sowas schon gesehen (und beschrieben) habe? Ich war doch vor etwas mehr als einem Jahr in Südafrika und dort auch in einem Wildpark für Raubkatzen. Ich hatte doch in irgendeinem Artikel berichtet, dass wir dort an verschiedenen Gehegen vorbeigelaufen sind, und ich besonders am Tigergehege ein besonderes Verhalten beobachtet hatte: Da drin lebte ein Tigerpaar. Dem Weibchen waren wir völlig egal, die lag irgendwo herum, pennte und guckte nur einmal ganz kurz. Das Männchen war dagegen durch unsere Anwesenheit überaus aufgebracht, patroullierte direkt am Zaun auf und ab, fauchte überaus böse und führte immer wieder Scheinangriffe (naja, bis eben zum Zaun, weiter kam er nicht) auf uns durch, weil er uns als Eindringlinge in sein Territorium betrachtete.

Und was man hier auf beiden Seiten immer wieder beobachtet, ist archaisches Territorialverhalten, die sind alle im Verteidigungsmodus, wie damals der Tiger, und nutzen jede Gelegenheit, um sie als Angriff hochzukochen.

Die Leute sind auf beiden Seiten sehr, sehr gereizt und angriffslustig.

Da reicht ein Funke und es geht hier mir permanenten Straßenschlägereien los. Irgendwo, irgendwann führen solche Auseinandersetzungen eben genau zur Schlägerei oder Messerstecherei, und dann geht das noch ein paarmal hin und her, und dann geht der große Krieg der einen gegen die anderen los.

Multikulti ist eine enorme Fehlkonstruktion.

Multikulti ist vor allem permanenter Stress durch permanente (gefühlte) Territorialverletzungen.

Das Problem ist eben, dass sich Menschen in ihrem Verhalten nicht nach Soziologen und Politikwissenschaftlern, sondern nach evolutionär erworbenen Verhaltensmustern richten.

Situation und Politik gehen dabei auch auf eine groteske Fehlberatung durch den Soziologen- und Philosophen-Hokus-Pokus zurück.

Man sollte sich schon klar machen, wie das gerade anbrennt.