Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Besoffene und Stromschienen

Hadmut
13.9.2017 22:08

Dummheitssuizid.

Vor ungefähr 20 Jahren war ich mal stinksauer, weil ich es eilig hatte und ein ICE-Bahnticket gebucht hatte, und der ICE nichtkam. Mit Verspätung kam ein popeliger IC (zum ICE-Preis) als Ersatzzug. Wegen „Notarzteinsatz“. Oder „Feuerwehreinsatz“. Als ich mich beim Schaffner beschwerte, erklärte der mir, was dahintersteckt. Da hat sich einer vor den Zug gestellt und es gab eine Riesen-Sauerei. Jetzt nimmt so ein ICE an einem Selbstmörder nur überschaubaren Schaden, und auch dieser ICE wäre weiter fahrfähig gewesen, aber der Fahrer muss halt erst mal ersetzt werden, der darf nicht weiterfahren, und es sei eben Routine, dass die Polizei oder Staatsanwaltschaft erst mal den kompletten Zug beschlagnahmt, bis alles aufgenommen ist. Und weil die Bahn damit den Zug „nicht mehr hat“, müssen sie erst schauen, wo sie einen Ersatzzug herbekommen, weil die anderen Züge ja normalerweise auch rumfahren. Und damit die Leute sich vor der Sauerei nicht so gruseln und es weniger Nachahmer gibt, heißt es dann nur „Notarzteinsatz“ oder „Feuerwehreinsatz“.

Seitdem fällt mir das immer auf, wenn irgendwo eine S- oder U-Bahn wegen „Notarzt- oder Feuerwehreinsatz“ ausfällt oder eine Strecke gesperrt wird. Ich München ist mir das schon einige Male aufgefallen. In Berlin schon öfter. Wobei ich in Berlin schon so viele Idioten am Bahnsteig gesehen und das schon oft erlebt habe, dass irgendwelche Spinner mit aller Gewalt versuchen, die eigentlich schon geschlossene Tür des gleich abfahrenden Zugs wieder aufzubrechen (als wäre es der allerletzte Zug, der überhaupt fährt, und man nicht 5 Minuten warten könnte), und dabei ja neulich schon ein oder zwei solcher Leute zerrissen wurden (sicherlich mehr, aber von zwei Fällen las ich in der Presse) kann ich mir noch mehr Gründe als den gewollten Suizid vorstellen, warum die Staatsanwaltschaft zum Angucken und die Feuerwehr zum Aufwischen kommen müssen. Aber trotz meiner qualitativ schmutzigen Phantasie bin ich nie auf den quantitativen Umfang ausfallender Züge gekommen. Ich kann mir ziemlich dumme und auch zivilisationsunfähige Leute vorstellen, aber gleich so viele?

Gestern morgen habe ich dann was gesehen und gelernt.

Ich kam also auf den U-Bahn-Steig um auf den Zug zu warten. Nun gibt es ja prinzipiell zwei Arten von U-Bahnhöfen, nämlich die, bei denen der Bahnsteig in der Mitte und die Gleise für die beiden Richtungen außen sind, und die, bei denen die Gleise innen und die Bahnsteige außen sind. Bei ersteren ist das kein Ding, wenn man am Steig für die falsche Richtung steht, man dreht sich einfach rum. Bei letzterem muss man aber irgendwelche Treppen rauf und runter (oder runter und rauf) steigen, um auf die andere Seite zu kommen. Und um einen solchen im letzteren Sinne handelte es sich.

Und zwar in der Hauptverkehrszeit. Da liegen zwischen den Zügen manchmal nur 2, 3 Minuten, und weil bei solchen Bahnhöfen ja beide Fahrtrichtungen direkt aneinander liegen kommt so ungefähr alle 2 Minuten ein Zug.

Ich komme also gerade so auf den Steig, in Gedanken, und denke „Hä!?“ (zugegeben, das tue ich öfter und auch aus weit geringerem Anlass). Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig torkelt ein Besoffener herum, total verdreckt, anscheinend obdachlos, Tippelbruder, in der einen Hand die Bierflasche, in der anderen die Zigarette, und steigt – also nicht gefallen, sondern so vorsätzlich, wie man das im Suff kann – auf die Gleise runter und steht schwankend zwischen den beiden Schienen der gegenüberliegenden Seite. Ich gucke links und rechts, kam gerade kein Zug. (Ich dachte erst, da kommt einer, aber es war die Rückseite eines ausfahrenden Zuges.)

Der Typ läuft auf die Stromschienen in der Mitte zu. Ich glaube, die haben so um die 600 oder 700 Volt. Ich also Richtung Notbremse (gibt es hier auf den Bahnsteigen) gehechtet, da gab’s auch eine Notrufsäule, und noch so eine Zehntelsekunde überlegt, ob die Notbremse überhaupt für beide Seiten funktioniert. Wollte gerade dran ziehen, da hatte es der Typ aber irgendwie (hatte kurz den Rücken zugedreht um zur Notbremse zu laufen) über die Stromschienen geschafft und war schon auf der anderen (meiner) Seite dabei, auf den Bahnsteig zu klettern. Beachtlich, denn stehen konnte er kaum. Damit hatte sich die Sache erledigt und ich war froh, dass sich das erledigt hat, bevor ich dran gezogen habe, denn das wäre immer schwierig zu sagen, ich habe dran gezogen weil da einer war, und jetzt ist er weg.

Aber dass das Sauerei-trächtig war, liegt auf der Hand, eigentlich hatte der Typ gute Chancen, dabei draufzugehen. Die Frage war eigentlich nur, ob durch einen Zug oder die Stromschiene. Manche Leute laufen da völlig … normalerweise sage ich neben der Schiene, aber der lief ja über die Schiene.

Was mir aber auch auffiel: Ich war der einzige, der da überhaupt irgendwas machte. (Zugegeben: Anfassen wollte ich den auch nicht, und mich selbst auf die Gleise begeben noch weniger, aber den Griff zu ziehen, die Notruftaste zu drücken und zu sagen, was los ist, ist ja jetzt nicht so ein Ding.) Alle anderen standen oder saßen da rum, einige rauchten, und schauten dem regungslos-gelangweilt zu, was der da so macht und ob er das überlebt. Keine Notbremse, kein Handy, kein Zuruf, nichts.

Irgendwie ist unsere Gesellschaft so im Ganzen kaputt.