Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Tanz der Gerechten

Hadmut
5.9.2017 20:01

Und jeder meint, er wäre der Gerechteste von allen.

Die SPD

Seit Wochen wird von man Martin Schulz und der SPD zugedonnert: Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit.

Und immer wieder: Gerechtigkeit. Nichts ohne Gerechtigkeit. Das Buzzword schlechthin.

DIE LINKE

Am Sonntag abend fand ich in meinem Briefkasten eine als Zeitung aufgemachte Wahlwerbung von DIE LINKE. Titelslogen: „Gerechtigkeit ist wählbar! Je stärker DIE LINKE, desto sozialer das Land“.

Seite 6: „Für eine friedliche und gerechte Außenpolitik“. Und: „Soziale Gerechtigkeit heißt Bildung für alle“.

Seite 10: „Eine sozial gerechte Energiewende: Klimaschutz ist eine Frage der Gerechtigkeit – weltweit“

Seite 12 (Rückseite): „So finanzieren wir die gerechte Gesellschaft“

Und: „Gerecht und gut für den Geldbeutel.“

Irgendwo ist noch ein kleiner Flyer herausgefallen, mit dem sich ein gewisser Steve Rauhut für den Bundestag empfehlen will. Womit? „Dafür, dass es gerecht zugeht“.

Die Grünen

Heute morgen gehe ich arglos die Straße entlang, da springt mich einer an und drückt mir ungefragt eine Zeitung in die Hand. Wahlwerbung der Grünen. Verblüffend: Keine Schlagzeile mit Gerechtigkeit. Dazu aber der Flyer einer Canan Bayram, die meine Erststimme haben will. Wofür? „Für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit“ – wofür auch sonst.

ZDF

Als ich diesen Blogartikel schreibe, läuft hebenher ZDF heute journal, die die nächste Wahl-Labersendung ankündigt. Worum geht’s? Glaubt Ihr nicht. Um „soziale Gerechtigkeit“.

Nach den Nachrichten Wahlwerbung: Gerechtigkeit. Die wäre heute immer noch ein Thema, und Gerechtigkeit wäre das erste, was wir Kindern beibringen. Mindestens viermal Gerechtigkeit. Sonst nichts. Nur Gerechtigkeit. Schulz von der SPD.

Gerechtigkeit allenthalben

Mir geht dieses leere Gesülze so auf die Nerven.

Ständig und unentwegt reden sie von Gerechtigkeit und nehmen für sich in Anspruch, sie – und nur sie – brächten die Gerechtigkeit unter’s Volk.

Wisst Ihr, was ich noch nicht ein einziges Mal gehört habe?

Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Was verstehen die darunter?

Wieso glauben die, dass sie gerecht sind und andere nicht?

Die kommen und wollen alles plündern, einen kleinen Teil der Bevölkerung immer mehr für andere arbeiten lassen, und nennen das „gerecht“. Mir kommt das aber ziemlich ungerecht vor. Ich finde das gar nicht gerecht, was die machen.

Was ist überhaupt gerecht?

Es ist vor allem eine Bewertung eines Beobachters, es ist kein Naturgesetz. Lange, bevor es Menschen oder überhaupt Gehirne gab, gab es Gravitation, Licht, Elektrizität. Aber keine Gerechtigkeit. Liegen zwei Steine nebeneinander. In den einen schlägt der Blitz ein, in den anderen nicht. Ist das etwa gerecht?

Man kann sehen, ob etwas funktioniert oder nicht, ob eine Folge eintritt oder nicht, ob eine Energie reicht oder nicht. Wenn einer nicht weit genug springt, um über den Abgrund einer Felsspalte zu kommen, dann stürzt er ab und ist tot. Völlig egal, ob wir das gerecht finden oder nicht. Offenbar ist „Gerechtigkeit“ nichts, was einer Handlung oder einem Geschehen innewohnt, keine objektive Eigenschaft, sondern eine Wertung, die erst im Beobachter erfolgt. Ungerechtigkeit führt nicht zum Ausfall oder anderen Verlauf eines Geschehens, sondern nur zu künftigen Handlungsweisen der Beobachter.

Nach meiner Auffassung sind wir dabei wieder – wie so oft – in den Hirnstrukturen und Verhaltenssteuerungen. Denn es drängt sich auf, dass das Unterbewusstsein damit steuert und bewertet, dass und ob wir uns an festverdrahtete, evolutionär erworbene oder in gewissem Umfang erlernte Verhaltensregeln halten. Denn sind wir „gerecht“, fühlen wir uns gut, machen das gerne wieder, auch wenn es zum Nachteil von uns als Individuum geführt haben mag. Empfinden wir dagegen etwas als ungerecht, entsteht massive Ablehnung, wir ärgern uns und rotieren darum. Bemerkenswerterweise finden wir unser eigenes Handeln meist gerecht, Ungerechtes kommt meist von anderen. Weil natürlich unser eigenes Handeln eher unseren eigenen Verhaltensprogrammen entspricht als das anderer.

Und passen unterbewusstes Verhaltensprogramm und Verhalten zusammen, schüttet das Belohnungszentrum im Gehirn Belohnung aus, wir fühlen uns gut. Haben wir Mist gebaut und ein schlechtes Gewissen, sagt uns das Gehirn, „das war nicht gut“ – mach’s nie wieder oder besser gleich rückgängig.

Gerechtigkeit ist zunächst mal nichts anderes als das, was das Belohnungssystem im Gehirn als mit den unterbewussten Verhaltensprogrammen konform ansieht. Nicht mehr, nicht weniger.

Offenbar gibt es da aber völlig unterschiedliche Programme. Der eine hat dies, der andere hat das. Der eine hält Diebstahl für extrem ungerecht, der andere meint, dass es gerecht wäre, dem anderen etwas wegzunehmen, was der hat und man selbst nicht. Der eine hält es für gerecht, wenn jeder macht, was er will, der andere hält es für gerecht, wenn der dafür bestraft wird. Je nachdem, welches Verhaltensprogramm läuft.

Ich bin durchaus auch der Überzeugung, dass die Zehn Gebote auch nur so eine Ausformulierung evolutionär erworbener Verhaltensweisen ist, die das Gehirn als „gerecht“ ansieht und sich einen Gott als Urheber dazudichtet, weil es sich sonst nicht erklären kann, woher das eigentlich kommt.

Was an der ganzen Politdiskussion daher völlig fehlt:

Eine Begründung, warum die eigene Auffassung von Gerechtigkeit allgemeingültig und besser als die der anderen sein solle. Das sagen die nämlich nie. Es wird immer so hingestellt, als sei die eigene Gerechtigkeit unanzweifelbar.

Letztlich kann so eine „Gerechtigkeitsdiskussion“ nur über eine objektivierte Argumentation funktionieren, nämlich nicht darüber, ob man sich dabei gut fühlt, sondern ob unsere Gesellschaft damit etwas besser funktioniert als ohne.

Und daran fehlt es hier.

Wenn man nämlich den wenigen, die noch effektiv arbeiten, immer mehr wegnimmt, dann werden die das nicht mehr tun, weil denen das irgendwann zu blöd wird. Und dann geht nichts mehr.

Aktuelles Beispiel: Die Butterpreise steigen steil an. Und weil die Milchpreise mit längerfristigen Verträgen gemacht sind, werden diese zeitverzögert ansteigen.

Warum?

Die Discounter und Supermärkte haben die Milchbauern ausgeplündert. Sie haben sie nach dem Mehrheitsprinzip gezwungen, immer niedrigere Preise zu nehmen, also von ihrer Arbeit immer mehr an andere – Händler, Käufer – abzugeben. Folge: Viele Bauern haben die Milchproduktion eingestellt, weil sie sich für sie nicht mehr lohnt. Ergebnis: Milch und Butter werden knapp, weil weniger produziert wird. Deshalb steigen die Preise. Und so manche Familie kann sich Milch und Butter nicht mehr leisten und muss sich Margarine auf’s Brot streichen. Weil das ganze Ding zusammenfällt, wenn man denen, die arbeiten, immer mehr wegnimmt und sich das für die nicht mehr lohnt.

So wird jede Form von Arbeit eingestellt werden, wenn sie sich nicht mehr lohnt.

So heißt das ganze Gerechtigkeitsding im Endeffekt auch nur: Wenn Du uns wählst, bekommst Du dafür von uns Geld geschenkt, für das Du nicht arbeiten musst, weil wir es anderen wegnehmen. Wie die Supermärkte: Wenn Du bei uns kaufst, sparst Du Geld, weil wir es den Bauern wegnehmen.

Im Prinzip nichts anderes als Stimmenkauf durch geklautes Geld. Man verspricht, den einen Geld wegzunehmen und es anderen zu schenken, weil man darauf spekuliert, dass es einem auf der einen Seite mehr Stimmen bringt als es auf der anderen Seite kostet. Und weil so ein Geldraub ja eigentlich ungerecht und moralisch unhaltbar ist, nennen sie es „Gerechtigkeit“, damit man sich dabei wohl fühlt. Weil nämlich sonst das Belohnungssystem im Gehirn sagen würde: „Das war nicht gut, Du sollst nicht stehlen! Wähle die nicht!“

Es geht also nicht darum, den Leuten Gerechtigkeit zu geben, sondern nur darum, mit geraubtem Geld Stimmen zu kaufen, und das Belohnungssystem rhetorisch zu täuschen, damit es nicht rebelliert. So wie Zigarettenhersteller Süßstoffe in den Tabak packen, damit man nicht so merkt, wie widerlich es schmeckt.

Schlagzeile aus der Wahlzeitung der LINKEN, Seite 11: „Politik darf nicht käuflich sein“

Wer wählt sowas?

Für Geld und warme Worte wohl einige.