Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Redialektisierung

Hadmut
20.8.2017 11:01

Was passiert da in den Schulen? [Nachtrag: Das Ende der Schrift?]

Ich bin gerade – wieder einmal – über einen Artikel gestolpert, der diese Schreiblernmethode „nach Gehör“ kritisiert. Eine Mutter erträgt das nicht, dass ihre Tochter nicht mehr richtig schreiben lernt und die Lehrerin sogar die Eltern anweist, die Texte nicht zu korrigieren.

Diese Kinder werden wohl niemals richtig schreiben lernen.

Und in der Folge auch niemals auf hohem Niveau Denken und Sprechen, denn das setzt Verständnis der Struktur der Sprache voraus. Man weiß von Analphabeten, die auch nur Reden wie sie hören, dass die sich meist nur irgendwelche Wortklumpen merken und durch Sprache kaum durchsteigen. Wenn sie später lesen und schreiben lernen, berichten sie von vielen „Aha“-Erlebnissen.

Wozu führt es, wenn Kinder nur noch nach Gehör schreiben?

Im Prinzip zur Umkehr der Luther-Bibel. Früher gab es die Staaten wie heute ja nicht, das Land bestand aus einem Flickenteppich von Regionen mit stark unterschiedlichen Dialekten. Was wir heute als Dialekte noch rudimentär kennen, waren früher stark unterschiedliche Lokal-Sprachen, die sich kaum verstanden. Vergleicht mal Plattdeutsch mit Brachial-bayerisch. Oder Tiefstes Pfälzisch gegen Sächsisch. Oder Hessisch gegen Schwyzer Dütsch.

Ich kann mich erinnern, mal auf einer Feier eingeladen gewesen zu sein, auf der ein junger Mann seine Eltern mit dabei hatte. Der Vater stammte irgendwo aus dem Schwäbisch-Alemannischen, war dort geboren, in seinem Auftreten war bürgerlich-gepflegt und in Tracht, aber ein eher einfacher Mann geblieben und nie aus der Gegend herausgekommen. Ich habe den Mann fast nicht verstanden, unmöglich ganze Sätze zu verstehen. Sagten auch die anderen Leute. Der hatte nie Hochdeutsch gelernt und sein ganze Leben lang nur diesen Lokaldialekt aus irgendeiner abgelegenen Gegend gesprochen. Dahin würden wir wieder kommen, wenn jeder nur noch so spricht, wie er es da, wo er gerade lebt, so hört.

Und insbesondere vor dem Umstand, dass bei uns die Kinderzahlen in den Schulen ja wieder stark steigen und es da viele Kinder mit „Migrationshintergrund“ gibt, die also aus einem familiären Umfeld kommen, in dem Deutsch nicht, nur bruchstückhaft oder mit stark gefärbten Akzenten und Grammatikfehlern gesprochen wird, stellt sich dann schon die Frage, woher die Kinder eigentlich Deutsch lernen sollen, wenn nicht mal von der eigenen Lehrerin.

Erstaunlicherweise wird nie erwähnt, und ich habe es auch noch nicht herausgefunden, wer eigentlich hinter dahinter steckt, diese „Lehrmethode“ (eigentlich ist es ein Lehrverbot) zu verbreiten und durchzusetzen.

Warum macht man das so? Was ist der Grund dafür?

Gibt es irgendwelche auch nur ansatzweise greifbaren Belege oder Hinweise, dass das überhaupt funktionieren kann?

Oder gar, dass es besser wäre als die alte Methode?

Was war an der alten Methode überhaupt schlecht und der Grund, sie zu ändern?

Soweit überhaupt zu erahnen, führt die Spur in den Erziehungswissenschaftlersumpf. Und die stehen ja nun in dem Ruf, dass bei denen gar nichts wissenschaftlich ist, sondern es nur darum geht, möglichst radikale Behauptungen aufzustellen und dann einfach so zu tun, als wäre das so. Irgendwer sagte mir mal, Erziehungswissenschaften gäbe es eigentlich gar nicht, die wären nur das Endlager für die, die in der Soziologie nicht untergekommen wären.

Ich will da mal ein paar Fragen aufwerfen:

  • Warum wurde das nie demokratisch erörter oder entschieden?
  • Warum macht man das?
  • Worin soll der Vorteil der neuen oder der Nachteil der alten Methode liegen?
  • Wer überprüft, ob es funktioniert oder schiefgeht?
  • Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung dafür?
  • Wer haftet für den Schaden?
  • Wie kommt man eigentlich auf sowas? Wie wird es begründet?
  • Woher kommt das eigentlich? Wer hat das angeordnet und vorgegeben?
  • Gibt es irgendeinen konzisen Text, der zusammenhängend beschreibt, was, warum und mit welchem Ziel man das tut, und wer das entschieden hat?

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass es gar nicht darum geht, dass die Kinder etwas lernen, sondern darum, es zu verhindern. Verfolgt da jemand das Ziel, dass die Kinder keine einheitliche Sprach mehr sprechen und es keine Menschen mehr gibt, die die Sprache richtig schreiben können?

Nachtrag: Ging mir gerade noch so durch den Kopf: In Australien habe ich mal gelernt, dass die verschiedenen Stämme der Aborigines (ich weiß nicht mehr, wieviele es waren, aber sehr viele. Und die hatten verschiedene Sprachen, die wenig bis gar nichts miteinander zu tun hatten. Obwohl die Aborigines traditionell Illiteraten sind – deren Kultur und Bildung beruht allein auf enormen Gedächtnisleistungen und der mündlichen, überaus robusten Überlieferung von Wissen und Erzählungen – haben sie eine Hochsprache entwickelt, die sie neben ihrer Stammessprache (und Englisch) alle können und in der sie sich jeder-mit-jedem unterhalten können, was für sie sehr wichtig ist und trotz des hohen kulturellen Wertes der eigenen Stammessprache von jedem akzeptiert und für gut befunden wird.

In Namibia erzählten sie mir, dass sie dort gerade alle Englisch büffeln. Dort gäbe es nämlich noch heute benachbarte Stämme, die kein einziges Wort miteinander sprechen könnten, weil die Sprachen völlig verschieden sind und manche Sprachen (Buschmann-Klicklaute) nicht mal als solche wahrgenommen würden. Eine einheitliche Sprache zu lernen, wird als überaus nützlich und angenehm empfunden. Bisher hatte zwar Afrikaans in weiten Teilen diese Rolle übernommen, wird aber politisch komplett abgelehnt.

Mir fällt dazu aber noch etwas ein, was man da bedenken kann: Sind wir am Ende der Schrift als allgemeines Kommunikationsmedium angekommen?

Wieder zu den Aborigines: Die meisten, vor allem jungen Aborigines in Australien lernen heute natürlich in ganz normalen Schulen alles, was man in Schulen eben (noch…) so lernt. Ich bin mal durch eine reine Aboriginee-Ortschaft gefahren, war richtig spießig. Gepflegte moderne Einfamilien-Häuser, schöne Vorgärten, alles tadellos sauber, eine richtig schön gemachte große Grundschule. (Vor 20, 30 Jahren war das noch anders, ich habe die auch noch auf der Straße im Dreck herumsitzen gesehen.) Trotzdem meinen sie, ihre Kultur und ihr Wissen zu verlieren, weil sie sagen, dass man die Erzählungen der Alten einfach nicht aufschreiben kann, weil da Intonation, Gestik, Mimik, das ganze Nonverbale und vor allem die Aussprache fehlt und das damit an Inhalt und Wertung verliert. Eine Gruppe junger Aborigines habe deshalb angefangen, die noch lebenden Alten zu bitten, ihre Erzählungen noch einmal zu wiederholen (für Aborigines sehr ungewöhnlich, man bekommt sie einmal erzählt, darf nochmal nachfragen, und Ende. Wer es sich nicht gleich sorgfältig merkt, hat Pech gehabt und ist selbst schuld) und sie auf Video aufzunehmen, quasi ein Video-basiertes Curriculum zu erstellen und das online zugänglich zu machen.

Das ist deshalb interessant, weil die damit die Kulturtechnik Lesen-und-Schreiben quasi über- und direkt vom archaischen in das Youtube-Video-Zeitalter springen.

Bedenkt man, dass auch bei uns immer mehr nicht mehr schriftlich, sondern in Youtube-Videos erklärt wird und Schrift in vielen Bereichen gerade von Emojis und Hieroglyphen-artigen Symbolen verdrängt wird, und momentan auch immer mehr Computer (Handy, Alexa usw.) über mündliche Spracherkennung verfügen, könnte man auf den Gedanken kommen, dass wir gerade das Ende der Kulturtechnik Schrift erleben.