Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wenn Journalismus zu Heuchelei und Selbstmitleid verkommt

Hadmut
9.6.2017 14:28

Eine fragwürdige Darbietung.

Sorry, Leute, ich kann nicht in der gewohnten Veranstaltungsberichtsdichte schreiben. Eine einzelne Veranstaltung kann ich ganz gut so im Kopf behalten, dass ich mit ein paar Stichworten abends noch darüber schreiben kann, aber bei dreien an einem Morgen wird das doch etwas zuviel, um das inhaltlich wiederzugeben, zumal mir dafür auch das Verständnis fehlt: Warum schaffen es eigentlich der Chaos Computer Club beim Congress und eigentlich die meisten von Informatikern abgehaltenen Konferenzen, Mitschnitte davon zu machen und hinterher auf einen Webserver zu legen, ein großer Haufen Journalisten mitten im Norddeutschen Rundfunk aber nicht? (Ich kann mich erinnern, diese Frage beim letzten Mal schon gestellt zu haben.)

Immerhin machen sie insgesamt 136 Veranstaltungen und haben sich auch bei der 16. Tagung mit der Organisation mal wieder alle Nächte um die Ohren gehauen. Komisch. Sollte das beim 16. Mal nicht so langsam mal so normal klappen?

Bemerkenswerterweise sind manche Veranstaltungen wieder inhaltlich sehr dünn oder nur Podiumsdiskussionen (macht man gerne, wenn man gar keinen Inhalt hat), so dass sich die Frage aufdrängt, ob man nicht allen Beteiligten etwas Gutes tun würde, wenn man auf inhaltsarme Veranstaltungen einfach verzichtet. Sie sagten sogar, dass sie sich jedesmal vornehmen, weniger zu machen, der Vorsatz aber immer nur bis Weihnachten hält. Professionalität heute.

Bei der Begrüßungsveranstaltung vorhin hatte ich so plötzlich das Gefühl, im falschen Film zu sein. Gedichteaufsagen, Grundschultheater. Ich musste an eine Szene aus dem 70er-Jahre-Film „Das fliegende Klassenzimmer“ denken: Um auf den in der Türkei inhaftierten Deniz Yücel hinzuweisen, betraten jede Menge Journalisten die Bühne, sprachen immer so ein oder zwei gestelzte, vom Papier abgelesene Sätze, um sich dann in einer Reihe aufzustellen.

Das ist sowas wie Kindergeburtstag mit Singen für den, der nicht kommen kann.

Versteht mich nicht falsch. Ich nehme keinen Anstoß daran, dass man an Deniz Yücel erinnert und protestiert. Das ist sicherlich in der Sache berechtigt.

Mich stört die lächerliche, alberne Weise in der man es tut.

Und mich stört diese maßlose Selbstbezogenheit, dieses Selbstmitleid, diese Selbstgerechtigkeit. Eigentlich ging es ja nicht um Yücel, sondern wieder mal das übliche und spätestens seit dem Feminismus im Journalismus etablierte victim harvesting, das Umbuchen fremden Leids auf das eigene Konto.

Seht doch, was für arme und verfolgte Menschen wir sind!

Was schon deshalb nicht funktioniert, weil zwar viele Journalisten, aber praktisch kein richtiges Publikum anwesend ist.

Was die Frage aufwirft, ob sich eine Berufsgruppe in dieser Weise zur Vertretung ihrer eigenen Interessen aufschwingen kann.

Im Allgemeinen ja, im Besonderen aber nicht. Nicht wenn es Journalisten sind. Dem Verband der Zahnärzte oder der Maurerinnung würde ich das zugestehen, aber nicht den Journalisten. Denn die nehmen für sich in Anspruch – und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk unser aller Gebühren – zu berichten und zu informieren. Und dann geht das mit den unterschiedlichen Maßstäben nicht mehr. Man kann nicht die eigenen Leute bejammern, andere aber völlig ignorieren.

Wir haben hier in Deutschland enorme politische Korruption und kriminelle Strukturen. Leute, die dadurch in ihrer Karriere und Freiheit geschädigt werden, interessieren diese Leute nicht. Die jammern nur um sich selbst.

Natürlich können die das so tun, das steht ihnen frei.

Aber uns steht es frei, das nicht mehr für Journalismus zu halten und uns unsere Meinung zu bilden. Schlimmmer geht immer.

Und was mir besonders sauer daran aufstieß, war diese elende Heuchelei, diese Gutmenschensprüche, die die da abgelassen haben. Sie sagten irgendwas von Life-Stream, vielleicht gibt’s das dann irgendwo zum herunterladen. Einer, ich glaube es war Ingo Zamperoni von den Tagesthemen, sprach davon, dass es für uns hier selbstverständlich sei, Frage zu stellen, zu kommentieren, auch zu kritisieren.

Nein, das ist es nicht.

Oder nur, wenn man unter „uns“ den erlauchten Kreis politischer Mediengünstlinge und unter Fragen die politisch korrekten Fragen versteht.

Vor dem Hintergrund meines Zusammenstoßes mit dem MDR von neulich fasse ich solche Aussagen als schiere, verlogene Heuchelei auf, und damit auch als Indikator für die Qualität der Tagesthemen. Und auch von diesem einen Fall abgesehen: Wenn man sieht, wie schwer es ist, wie sehr einem Auskünfte verweigert werden, wie radikal man – willkürlich – einschränkt, wer überhaupt Presse(auskunfts)recht haben soll, dann ist eine solche Aussage absurd. Leidet der Mann unter Realitätsverlust? Sitzt der da in seiner Nachrichtenredaktion in einer großen Filterbubble, in der er von der Außenwelt so gar nichts mitbekommt?

Wie massiv gehen Politik, Medien, gerade auch die Sender der ARD gerade (und oft auch rechtswidrig, aber immer mit der gesamten Medienmaschinerie und meines Wissens mit den Geldern der Gebührenzahler, nicht auf eigenes Kostenrisiko) gegen jeden vor, der sich traut, eine Frage zu stellen oder Kritik zu üben?

Und da stellen die sich hin und jammern über einen Deniz Yücel in der Türkei? Der womöglich auch noch wusste, auf was er sich da einlässt und das wohl in Kauf genommen hat?

Ist das alles am Ende vielleicht sogar ein großer PR-Stunt, neudeutsch Fake-News?

Und immer dran denken, dass wir solchen Leuten über die Zwangsgebühren auch noch fürstliche Gehälter zahlen müssen.