Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Er sagt, ich könnte das Internet nicht deklinieren…

Hadmut
19.4.2017 23:38

Ein erzürnter Leser wirft mir, einem Informatiker, vor, ich wäre der Beugung des Internets nicht fähig.

Schockschwerenot!

Dabei nimmt selbiger Leser Anstoß an zwei Steinen.

Meine Ausführungen zu Passivkonstruktionen trafen bei ihm auf keinerlei Verständnis, nicht die Spur einer Akzeptanz. Näher ausgeführt hat er das nicht, bis auf den Vorhalt, dass es vollkommen verfehlt wäre, die Grammatik des Altgriechischen auf das moderne Deutsch übertragen zu wollen.

Der Vorwurf ist unpräzise. Ich habe gesagt, dass ich das im Latein- und Griechischunterricht gelernt habe, nicht aber, dass ich es aus dem Griechischem übertragen hätte. Stete Leser meines Blogs (wozu selbiger offenkundig nicht gehört) wissen, dass ich den Schulunterricht in deutscher Grammatik versäumt habe, weil ich in Hessen (Lampertheim) in der Grundschule war und in Rheinland-Pfalz (5. bis 10. Klasse am Altsprachlichen Gymanasium, umbenannt in Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms, Oberstufe am Theodor-Heuss-Gymnasium in Ludwigshafen, in der 5. und 6. Klasse hatten wir noch diese ganz alten Schulbänke mit Tintenfässern, und ja, ich hatte auch mal kurz Kriegbaum und länger Zimbo, die eisenharten.) auf dem Altsprachlichen Gymnasium war. Leider gab es in Hessen in der Grundschule zwar etwas Englisch- aber keinerlei Grammatikunterricht in Deutsch. Als einziger in der Klasse, der nicht in Rheinland-Pfalz in der Grundschule war (war ich, aber nur die ersten 3 Monate), wo man die Grammatik schon gelernt hatte, war ich auch der einzige in der Klasse, der überhaupt nicht verstand, wovon die da redeten, wenn es um Prädikate, Subjekte, Adverbien ging. Ich habe kein Wort verstanden, und weil ich der einzige war (und das auch erst mal niemandem klar war, warum die anderen das wissen und ich nicht), und man auch nicht wusste, dass da in Hessen was fehlte, habe ich meine Grammatik-Wissen, und zwar auch das des Deutschen, im Latein- und Griechisch-Unterricht nachgelernt. Ich hatte nie deutschen Grammatik-Unterricht in der Schule, was auch an schlechten Lehrplänen und lausigen Deutschlehrern lag, aber gerade der Latein- und der Griechisch-Unterricht einfach frei von politischem Einfluss waren. Ich habe also nicht Grammatik aus dem Griechischen übertragen, sondern aus einem altsprachlich-klassischen Unterricht. Das war übrigens auch nicht als Begründung gemeint (wie ein anderer Leser tadelte), sondern schlicht als Quellen- und Herkunftsangabe.

Der zweite Vorwurf zielt darauf ab, dass ich „Internet“ nicht zu deklinieren wüsste. Zuerst meinte er, ich würde es als „stinknormales Substantiv regelmäßig und ausnahmslos“ falsch deklinieren, ohne zu sagen, was ich falsch mache. Auf Nachfrage meinte er dann, ich würde es in etwa der Hälfte der Fälle falsch machen, weil ich nicht berücksichtigte, dass der Genitiv zu Internet „des Internets“ laute. Ich nehme an, er stört sich daran, dass ich gelegentlich „des Internet“ statt „des Internets“ schreibe.

Zunächst mal will ich darauf hinweisen, dass ich gar nicht den Anspruch erhebe, fehlerfrei zu schreiben oder selbst das Maß der Dinge zu sein. Ich schreibe im Gegenteil sogar mit (für meine Maßstäbe) enorm vielen Fehlern, denn ich bin (wie schon oft erwähnt) reich an Fehlerquellen:

  • Ich habe nicht die Zeit, lange über meine Blog-Artikel nachzudenken oder sie korrekturzulesen. Die meisten Artikel schreibe ich spontan und wie es mir in den Sinn kommt herunter und jage sie raus, ohne sie nochmal zu lesen. Vieles lese ich nicht mal beim Schreiben, weil ich da schon beim nächsten Satz, Nachdenken oder irgendwas Lesen bin und nebenher schreibe.
  • Ich schreibe meist relativ schnell. Und manchmal viel. Nicht selten beschweren sich Leser, dass sie mit dem Lesen nicht nachkämen. Ich leide jetzt nicht so direkt unter Schreibhemmung oder der berühmten Angst vor dem leeren Blatt. (Böse Zungen behaupten, das Blatt hätte eher Angst vor mir.)
  • Wer mal auf die Zeitangaben guckt, wird merken, dass ich meine Artikel oft spät abends und deshalb hundemüde schreibe. Vieles muss einfach noch aus dem Kopf raus, damit ich ruhig schlafen kann. (Ja, oft vergesse ich, was ich geschrieben habe, relativ schnell und leicht, weil ich mir durch das Schreiben auch das Hirn „entlaste“. Ich kann dann loslassen, weil ich es ja aufgeschrieben habe, und mir das nicht mehr merken muss.)
  • Ich habe schon oft erwähnt, dass ich durch das viele Schreiben unter einem seltsamen Problem leide, von dem mir aber inzwischen auch einige Leser bestätigt haben, dass es ihnen genauso geht.

    Weil ich viel und im 10-Finger-System schreibe, kommt es zu einer Art Trennung zwischen Hirn und Handmotorik. Ich denke nicht mehr in Buchstaben, sondern sprachlich, und die Hände schreiben dazu, fast als würde ich es einem Fremden diktieren. Deshalb tippe ich nicht einzelne Buchstaben, sondern immer ganze Silben oder Worte, die als Bewegungsabläufe gespeichert sind. Quasi als hätte ich für meinen Wortschatz ganze Handbewegungsabläufe abgespeichert. Und da passiert es (leider nicht selten), dass ich nicht typische Tippfehler (danebengegriffen oder Buchstabentauscher, wenn die eine Hand die andere überholt) mache, sondern komplette Silben vertausche, die sich manchmal ganz anders schreiben, aber ähnlich anhören (aktuelles Beispiel von gestern: Frau fängt man statt Frau fäng Mann, dazu gehört auch das statt dass, obwohl ich den Unterschied natürlich sehr genau kenne), und manchmal sogar komplett falsche Wörter, einfach weil nach dem ersten Wort oft – aber nicht hier – das zweite kommt, die Bewegungsabläufe also schon ganze Wortfolgen abdecken. Kennt Ihr den Effekt, dass man in seinen Tagesablauf rutscht und irgendwo hingeht oder mit dem Auto hinfährt, wo man oft hinfährt, aber gerade nicht hinwollte, weil der Ablauf so reinrutscht und man es nicht merkt? Passiert mir auch beim Schreiben.

    Das ist immer dann der Fall, wenn ich den Schreibfehler niemals handschriftlich mit einem Stift machen würde.

  • Immer wieder spuckt mir auch eine automatische Schreibkorrektur in Browser oder Handy in die Suppe, weil ich anscheinend anderes spreche, als in den Wortschätzen dieser Systeme vorgesehen ist.
  • Ich bin auch – und das gebe ich offen zu – in Rechtschreibung und Grammatik nicht mehr gut. Ich habe das verlernt. (Meine Handschrift kann ich nicht mal selbst noch lesen.)

    Ich war mal richtig gut. Zum Zeitpunkt meines höchsten Allgemeinwissens, nämlich etwa zum Abitur. Da habe ich praktisch fehlerfrei geschrieben.

    Ich habe über die Jahre aber viel verlernt und viel von meinem orthographischen Sprachgefühl verloren, vor allem durch die Universität (an einer technischen Uni geht es sprachlich ganz lausig zu, an anderen ist es auch nicht besser), dazu dann Rechtschreibreform und jahrelange Auseinandersetzungen mit dummen Leuten.

    Außerdem merke ich auch, dass sich mein Gehirn und die Denkvorgänge verändern und ich andere Schwerpunkte setze. Ich bin sprachlich viel schlechter als früher, dafür viel stärker analytisch und denkfehlersuchend.

    Beispielsweise war ich früher sehr viel eloquenter. Ich habe als Student völlig problemlos eine O-Phasen-Gruppe eine komplette Woche lang pausenlos dauerbelabert und hunderte (gute!) Witze erzählt, keinen doppelt. Als ich noch Tutorien, Seminare, große Übungen und Vorlesungen gehalten habe, war ich mal ein recht guter Redner (wurde mir immer wieder bestätigt), aber ich habe das verlernt.

    Auch durch das Bloggen: Der Schwerpunkt liegt nicht mehr so auf guter Sprache, sondern auf widersprechenden, analytischen, zerlegenden Gedankengängen, und vor allem ein anderes Timing: Ich bin auch nicht mehr schlagfertig. Das war ich mal. Inzwischen bin ich aber darauf trainiert, erst Argumente usw. zu sammeln und es dann später zusammenzuschreiben. Schriftlich zu reagieren.

    Und das – wahrscheinlich auch das Alter – wirkt sich sehr auf die sprachlichen Fähigkeiten aus. Ich würde nicht sagen, dass sie in der Summe heute schlechter sind als früher, aber auf jeden Fall deutlich anders. Beispielsweise sagen auch viele alte Synchronsprecher, Sänger, Schauspieler, dass sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr so schnell sprechen können, wie sie das in jungen Jahren (und in alten Filmen zu hören) konnten. Und nicht nur, weil die Sprechmuskulatur nachlässt.

Fehler mache ich also mehr als genug.

Nur gerade beim Internet halte ich das nicht für einen Fehler.

Denn was der Leser nicht bedenkt: Ich bin Informatiker. Und bei Informatikern hat der Begriff „Internet“ (mindestens) drei Bedeutungen, was Laien meist nicht wissen:

  • Ein Internet bezeichnet als Kategorie ein Netzwerk, dass andere Netzwerke unterschiedlicher Technik verbindet.
  • Das Internet bezeichnet als Eigenname das eine, große, weltumspannende Internet.
  • Internet im attributiven Gebrauch (Internet-Protokolle, Internet-Firewall,…) bezeichnet eine Technikfamilie, die im Internet gängig ist, also vor allem Techniken und Protokolle wie TCP/IP, HTTP, WLAN und so weiter.

Und schon damit fällt der Begriff „Internet“ (genauer gesagt, die drei Begriffe, denn es sind ja verschiedene) auch in unterschiedliche Deklinationen, weil man Eigennamen anderes dekliniert als Kategoriebegriffe. Dazu kann man noch streiten, ob Internet ein Fremdwort ist oder inwieweit es in die deutsche Sprach eingesickert ist, denn auch danach richtet sich, ob und wie stark man ein Wort einer anderen Sprache nach deutschen Regeln deklinieren und konjugieren kann.

Siehe dazu:

Kurze Diskussion dazu, Selfhtml, Fehler-Haft.de:

Normalerweise nicht mit Genitiv-Endung versehen werden fremdsprachige Wörter in deutschen Sätzen, d. h. Begriffe, die nicht zum üblichen deutschen Wortschatz gehören. Dazu zählt auch Fachvokabular. Die Genitivform der Ursprungssprache wird dabei nicht übernommen. […]

Schon anders sieht es bei Fremd- oder Lehnwörtern aus, die bereits Teil der deutschen Sprache geworden sind. Hier hat sich ein Genitiv bereits herausgebildet und wird entsprechend verwendet. Genus und passende Genitivendung entsprechen dabei nicht zwangsläufig dem deutschen Gegenpart. […]

Das Sprachgefühl des Sprechers/Schreibers entscheidet dabei, ob er einen Begriff als eingedeutscht wahrnimmt oder als fremdsprachig betrachtet – oder ob er ihm Eigennamencharakter zugesteht oder nicht. Der Highway könnte daher auch klein- und s-los geschrieben werden, obwohl er längst im Duden steht.

So wurde z. B. früher auch das Internet meist noch als Fremdwort aufgefasst und entsprechend behandelt („die Anfänge des Internet“) – heute ist das Gentitiv-s („die Verbreitung des Internets“) des nun als Bestandteil des Deutschen geltenden Fremdwortes normal und richtig geworden, „des Internet“ hört man nur noch selten.

Noch eine Diskussion dazu (und der Leser-Hinweis, dass es ja meist „Die Krise des Euro“ und nicht des „Euros“ heißt).

Der Grund dafür ist übrigens, dass Eigennamen normalerweise ohne Artikel stehen und bisweilen gebeugt werden (das Reiterstandbild Karls des Großen), wenn sie aber aus sprachlichen Gründen doch mit Artikel stehen, übernimmt der Artikel oft die Beugung alleine (Das Leiden des jungen Werther). Ob Eigen- und Markennamen überhaupt gebeugt werden, darüber gibt es verschiedene Ansichten. So ist es auch nicht das Titelblatt des Spiegels, sondern das des DER SPIEGEL.

Deutsch ist auch nicht immer eindeutig. Es gibt durch oft mehrere Formen, die nebeneinander möglich sind (ich schwur – ich schwor).

Hier bin ich der Ansicht, dass beides, des Internet und des Internets, richtig ist, wenn auch abhängig vom Gebrauch, ob man das große Ganze, Einzigartige oder die Technik meint. Das ist nämlich sprachlich durchaus ein gewaltiger Unterschied. Stellt Euch vor, man würde das Internet zerschneiden und nur noch jedes Land hätte seines. Dann gäbe es „das Internet“ nicht mehr, aber durchaus in jedem Land noch Internet-Technik, und man könnte freilich „ins Internet“ gehen. Das ist aber vielen Leuten einfach nicht klar, dass das unterschiedliche Bedeutungen sind und „Internet“ eben nicht ein stinknormales Substantiv ist.

Vorwerfen muss ich mir aber sicherlich, dass ich da nicht völlig konsequent bin und den Stil da auch nicht durchhalte.

Für mich ist es aber auch ein sprachlicher Unterschied, ob ich in irgendeinem nüchternen Text über „die Technik des Internets“ schreibe oder in einer schicksalsschweren Überschrift „Die Eroberung des Internet“.