Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der Calliope-Handschlag

Hadmut
15.4.2017 20:39

Steht Gemeinnützigkeit schon wieder mal für krumme Geschäfte im linken Lager?

Nachdem es in anderen Ländern verschiedene Mini-Rechner von BBC bis Raspberry gibt, und sie damit wie bekloppt den Kindern das Digitale – was auch immer sie dafür halten – beibringen wollten, konnten deutsche Politiker natürlich nicht lange stillhalten, und die von der Strickliesel zur Internet-Botschafterin beförderte Gesche Joost warf sich für den Rechner Calliope Mini in den Ring.

Nun hatte ich den Calliope schon kritisiert. Denn ich halte den für zu klein und beschränkt. Viel mehr als die vorgefertigten Programmierbeispiele und ein paar Variationen wird man damit nicht machen können. Und da erschöpft sich der Spaß dann schnell. Ich habe als Kind mal Vaters elektrische Eisenbahn zwangsgeerbt, weil er das toll fand, meinte er, ich würde begeistert damit spielen. Aber irgendwie war es nicht mehr als im Kreis herumzufahren, weshalb ich auch für die damals unvermeidliche Carrera-Rennbahn nichts übrig hatte. Auch meine Dampfmaschine war toll, stand aber nach kurzer Zeit in der Ecke, weil man damit letztlich immer nur das gleiche machen kann. Richtig gut beim Spielen waren für mich Fischertechnik und die Philips Elektronikbaukästen (ich glaube, EE 2003 oder so ähnlich und Zusatzkästen), und die hatte ich dann auch wirklich jahrelang in Gebrauch, weil genug Material für Neues und erweiterbar. Weil sie keine Grenzen hatten. Calliope hat enge Grenzen. Das kann nach meiner Einschätzung nur funktionieren, wenn dann schnell der nächstgrößere Rechner folgt.

Zwar halte ich deren Argument, dass Arduino und Raspberry zu kompliziert sind, weil man noch externe Geräte (Sensoren, Anzeigen usw.) anschließen muss, und sie deshalb ein All-in-one haben wollten, für durchaus valide und nachvollziehbar. Aber das ändert halt nichts daran, dass da eben enge Grenzen sind, und dass die bestehende Version nicht gut ist, heißt noch lange nicht, dass die Alternative besser ist. Vielleicht ist die 3. Klasse da einfach zu früh. Ich persönlich würde sowas frühestens in der 5. oder 7. Klasse in Verbindung mit Informatik und Physik angehen.

Neulich hatte ein Kollege so ein Ding auf dem Tisch herumliegen. Er sagte, seine Tochter hätte das Ding unbedingt haben wollen. Man könnte halt so etwas damit rumspielen.

Könnt Ihr Euch noch an die Kampagne „One Laptop Per Child“ erinnern? Ein Riesen-Theater, weltweit, Politik und alles, und dann sang- und klanglos von der Bühne verschwunden.

Vorhin habe ich mich gewundert. Auf Twitter „retweetete“ Gesche Joost diverse Verteidigungstweets des Calliope von Anke Domscheit-Berg.

Nanu?

Was hat die denn mit dem Calliope zu tun?

Egal, war erst mal einkaufen. Kam zurück und finde den Hinweis eines Lesers, dass ich auf den Ursprung man genauer schauen sollte, nämlich diesen Artikel auf Bildungsradar.de, der den Calliope Mini deutlich kritisch sieht.

Falls das stimmt, was die da schreiben, geht’s im Saarland zu wie auf dem Basar, Geschäfte mündlich per Handschlag, und hinter kann keiner sagen, was, wann, wie.

Anscheinend ist da momentan gar nicht klar, wem die Geräte denn jetzt überhaupt gehören und wer da wem was überlässt.

Laut den Behauptungen dieser Webseite ist das Stammkapital der Firma hinter Calliope am Minimum, außer dem Ding scheint es keine anderen Aufträge zu geben und das – nicht schriftlich greifbare – Fördervolumen scheint happig zu sein. Und die weiteren Ausführungen laufen auf seltsame Aspekte bei Lobbyisten, Parteien und so weiter hinaus.

Interessant wird die Sache da:

Hinzu kommt – und hierzu konnte ich auf der Calliope-Homepage keine Hinweise finden -, dass die beiden oben Genannten als auch weitere Gesellschafter der Calliope gGmbH Mitglieder des Vereins „D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt“ sind (Gesche Joost sogar als Beiratsvorsitzende). Innerhalb dieses Vereins wurde laut Jahresbericht 2015 Folgendes vereinbart (mit einem Sternchen sind von mir fünf der sechs Gesellschafter der Calliope gGmbH markiert): „Es soll eine gemeinnützige GmbH oder eine Stiftung gegründet werden, die das Projekt professionell vorantreibt. Name wird Calliope sein. Mitglieder von D64 in diesem Gremium sind Stephan Noller*, Gesche Joost* und Maxim Loick*, weitere KompetenzträgerInnen außerhalb von D64 sind Andera Gadeib, Franka Futterlieb* und Jörn Alraun*.“

Laut Wikipedia handelt es sich bei D64 um einen „der SPD nahestehender Verein mit Sitz in Berlin, dessen Satzungsziel es ist „die öffentlichen Debatte um die gesellschaftliche Veränderung durch das Internet, insbesondere im Hinblick auf die politische Entwicklung der Demokratie in Deutschland [substanziell zu unterstützen].“ Auf der eigenen Homepage heißt es beschreibend: „D64 versteht sich als progressiver Think Tank, der über das reine Nachdenken hinaus auch politische Veränderungen erreichen will.“ Was ist nun ein ThinkTank als welcher sich D64 bezeichnet?: […]

Die im deskriptiven Teil genannten Begriffe, Verbindungen und Absichten lassen für mich kaum einen anderen Rückschluss zu, als dass wir es hier mit dem zu tun haben, was als „Lobbyismus in Schule“ bezeichnet wird: Ein parteinaher Verein mit Absicht auf die „politische Entwicklung der Demokratie in Deutschland“ im Themenbereich der Digitalisierung Einfluss zu nehmen, gründet aus sich heraus eine gGmbH, die wiederum in Partnerschaft mit offenkundigen, wirtschaftlich nutznießenden Unternehmen oder unternehmensnahen Stiftungen agiert und gezielt intransparent finanziert/unterstützt wird.

Der Bundeswirtschaftsminister, dessen Ministerium das Projekt offensichtlich schon vor der Gründung der gGmbH unterstützte und auch finanziell förderte (nach Auskunft des saarländischen Bildungsministeriums) ist Vorsitzender der Partei, deren parteinaher Verein das Calliope Projekt (mit-)initiiert und deren Gesellschafter zu mindestens 5/6 Vereinsmitglieder sind. […]

Die Calliope gGmbH verweigert aktiv diese Form der Transparenz. Ich beobachte zudem, dass sich ein parteinaher Verein lobbyistische Ziele setzt und zur Durchsetzung dieser aus sich heraus und mit eigenen Mitgliedern eine gGmbH gründet. Deren personelle und institutionelle Nähe zum Bundeswirtschaftsministerium als auch dem saarländischen Bildungsministerium ermöglicht – so der Anschein – offenbar den rasanten Durchbruch der jungen gGmbH. Offensichtlich werden entsprechende Vorgänge auch in weiteren Bundesländern angebahnt – hier wird Bildungsradar sehr genau weiter beobachten.

Calliope – als Projekt und gGmbH – wirkt für mich als Lehrer derart intransparent und parteipolitisch als auch lobbyistisch tendenziös aufgeladen, dass ich im Lauf der Recherchen den Eindruck gewonnen habe, dass auf diesem Weg eine Einflussnahme auf schulische Bildung stattfindet, gegenüber dieser ich als Lehrer angehalten bin, wachsam zu sein.

Da scheint ein krummes Ding zu laufen.

Und mittendrin die „Bundesinternetbotschafterin“.

Wieder mal so typisch, was die Politik unter „Digitalisierung“ versteht.

Fragt sich, was sie neben der Finanzakrobatik da noch so vor hatten. In welcher Form sie auf die Schulausbildung Einfluss nehmen wollten.

So eine Art Zwangsfeminisierung der IT?

Oder Zwangs-Googelisierung der Kinder?

Alle frühzeitig auf Microsoft abrichten, bevor noch irgend ein Kind auf die Idee käme, man könnte auch ohne Computer leben?

Es würde erklären, warum man es mit einem mittelprächtigen Konzept trotzdem so eilig hatte.