Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Siebeneinhalb Millionen Analphabeten

Hadmut
11.9.2011 21:29

Migranten nicht mitgerechnet. (Quelle: ZEIT) Was sagt das über unsere Politik und unser Bildungssystem? (Von wegen Volk der Dichter und Denker – wenn wir uns wegen 10 oder 20 Dichtern als Volk der Dichter bezeichnen, was müßten wir uns dann bei soviel Analphabeten nennen? Hieß es nicht mal, Bildung wäre unser einziger Rohstoff? Den Peak haben wir offenbar hinter uns.)

17 Kommentare (RSS-Feed)

euchrid eucrow
11.9.2011 23:06
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ich habe mal einen öffentlich rechtlichen bericht gesehen, dort wurden zwei grundschulen, ich glaube in köln oder frankfurt, miteinander verglichen. die beiden schulen lagen nur wenige kilometer luftlinie auseinander aber eben in verschiedenen stadtteilen. der eine gut situiert, der andere prekär.
die kinder aus dem gut situierten stadtteil trugen texte aus bücher vor wie ganz große. sie hatten die pausendosen gefüllt mit brot, obst und gemüse, erzählten von ihren freizeitaktivitäten, spielten oder lernten instrumente und wurden von den eltern zur schule gefahren.
die kinder aus dem ärmeren stadtteil stotterten einfachste buchtexte zurecht, kamen ohne frühstück zur schule und erzählten, das sie die ersten da heim sind die aufstehen. die eltern würden noch schlafen.
verglichen wurden auch die empfehlungen für das gymnasium beider schulen.
ich hätte den bericht gerne schon öfters angebracht, wenn es um unseren staat und die bildungspolitik geht. ich finde ihn nur nicht mehr. vielleicht weiß ja einer der leser hier, welchen ich meine und kennt den passenden link dazu.
des weiteren bin ich der meinung, dass es in sachen bildung eben nicht nur um die bildungspolitik, sondern generell um die falsch gesetzten prioritäten unserer gewählten untermenschen im bundestag geht. täglich ne runde anno 1602 oder siedler würde denen nicht schaden um die ganzheitlichkeit von systemen jedweder art zu begreifen.


Hadmut
11.9.2011 23:44
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Als ich noch an der Schule war (so eine von den besseren, altsprachlich-humanistisches Gymnasium) dachte ich noch, daß ein dummer Mensch einer sei, der in seinen Leistungskursen nicht wenigstens 11 oder 12 Punkte holt.

Dann wurde ich bei der Bundeswehr mit Leuten – und nicht wenige – konfrontiert, die gar nicht oder bestenfalls mit Mühe die Schlagzeile der Bildzeitung lesen konnten, und für es Schwerstarbeit war, einen halben Satz aufzuschreiben, mehr Schreibfehler als richtige Buchstaben, Handschrift wie ein Erstklässler. Leute, die weder wußten, wann sie geboren sind, noch daß sie das in ihrem Personalausweis nachlesen können.

Da war ich damals echt geschockt. Sowas kannte ich vorher nicht, ich hätte nicht gedacht, daß es das gibt.

Ich kann mich erinnern, daß in Worms (mein erstes Gymnasium) mal der Lateinlehrer reinkam und völlig fertig war, mit dem war den ganzen Tag nichts mehr anzufangen. Der war morgens noch schnell auf der Post, und vor ihm war einer der fahrenden Leute von den Kirmes-Schaustellern in der Schlange, war gerade Backfischfest. Hatte eine Aktentasche voller Bargeld, nicht sortiert oder gebündelt, sondern wild hineingestopft, dabei, die er einzahlen wollte. Über zehntausend Mark. Der konnte nicht lesen, nicht schreiben, nicht zählen, hatte keinerlei Vorstellung davon, wieviel Geld er dabei hatte. Hätten die von der Post ihm gesagt, daß es 135 Mark gewesen wären, hätte er nicht gemerkt, daß es nicht stimmen kann. Das hat diesen Lateinlehrer als humanistisches Bildungsmonster völlig aus der Bahn geworfen.

Ich stell mir das grauslich vor. Ich war in den letzten Jahren auf Reisen ein paarmal in Gegenden, wo ich nicht mal die Schriftzeichen der Landessprache lesen konnte (Thailand, China, Dubai), und wenn man mal irgendwo ist, wo sie nicht noch die wichtigsten Schilder zusätzlich in Englisch beschriftet haben, kann man nichts mehr lesen, nicht mal einen Straßennamen oder sowas. Da hat man ernsthafte Probleme und muß sich mühsam durchfragen. So ungefähr muß das dann im eigenen Land sein.


Oppi
12.9.2011 1:26
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Wenn Bildung unser Rohstoff wäre, dann würden wir unser Bildungssystem (und zwar das komplette, von den Grundschulen bis zu den Universitäten) nicht ständig weiter in den Abgrund reiten.

Unser Rohstoff ist wohl im Gegenteil eher mangelnde Bildung. Wenn die Bevölkerung zu gebildet ist, merkt sie nämlich zu schnell, was in den Chefetagen so alles abgeht.


“Peak Bildung” ist eine schöne Wortschöpfung.

Das Thema selbst ist dagegen unschön. In Deutschland ist die Bildungspolitik geprägt vom Drang, die Besten herauszusuchen und zu fördern. Dabei spielt im Hintergrund mit, das sich ein gewisses Grundniveau ja schon von alleine einstellt.

Das ist aber nicht so. Bisher konnten wir uns diese 14% leisten, auch wenn das nicht gerade eine Aushängeschild für eine entwickelte Gesellschaft ist.


yasar
12.9.2011 8:06
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@euchrid

Das war ein Bericht über zwei Berliner Schulen. Da ging es auch darum, daß die Schulbezirke neu geordnet werden solten (iirc in Neukölln) und irgendwelche (wohlhabenden) Eltern einen Riesenaufstand gemacht haben, daß Sie Ihre Kinder nicht in eine andere Schule schicken wollten. Da wurde dann auch bei den Wahlen zum einem Bürgerentscheid getrickst. Die “prekären” haben nicht so Recht mitbekommen worum es geht und die gutsituierten haben alle mit “Nein” gestimmt.

Mir tut es nur um die Kinder leid, die dann darunter zu leiden haben.

Eine Link, oder welche Sendung das war, weiß ich leider auch nicht mehr.


yasar
12.9.2011 10:16
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@Knut:

Wäre schön, wenn die besten auch wirklich gefördert würden. Die “Förderung” gibt es nur, wenn man auch genügend Geld für Privatschulen aufbringen kann. Ich habe das Glück (oder Pech) mit anscheinend besonders schlauen Kindern gesegnet zu sein. Das allein ist noch kein Problem. Die Probleme fangen an, wenn die sich in der Schule langweilen und Ihr Enthusiasmus für manche Fächer sich dann in Grenzen hält. Manche Lehrer können damit nicht umgehen.

Zum Glück haben wir bisher alle Probleme meistern können. Aber drei Kinder dann auf ein Privatgymnasium zu schicken, wo sie optimal gefördert würden, würde einen arm machen.


Stefan M.
12.9.2011 10:57
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Gebt mal bei youtube “Volksverblödung” ein. Da ist einfach erklärt wie unser bildungssystem zu funktionieren hat,leider.


Knut Grunwald
12.9.2011 12:00
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@yasar

Das der Drang/Wunsch zu fördern nicht immer von Erfolg gekrönt ist, ist dann das Tüpfelchen auf dem i. Wie war das noch mit gut gemeint und gut gemacht ?

Wenn eine Grundschullehrerin, die es anscheinend drauf hat, allen mindestens eine zwei verpasst, bekommt sie Ärger, weil die Notenverteilung keine Gausskurve ist, die bei der vier anfängt. Wenn also durch Glück oder Können alle Kinder gut im Klassenziel liegen, müssen welche runtergewertet werden, damit die Statistik stimmt.

Da ist es natürlich einfacher den üblichen Unterricht zu machen, dann werden schon welche durchs Gitter fallen. Ob das nun die Verspielten sind, die mehr Anschub brauchen, um dem Unterricht zu folgen, oder die Schlauen, die sich langweilen, ist der Schulbürokratie egal.


John
12.9.2011 12:23
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@Hadmut: Ich glaube nicht, dass es derjenige nicht mitbekommen hätte, wenn Sie Ihn so massiv bescheißen.

Irgendwer hat ja kassiert. Zudem könnte er wissen, was er durchschnittlich pro Woche einnimmt.

(Um ein paar Hundert Mark wär es vielleicht gegangen.)


j.
12.9.2011 16:17
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@yasar: Diese Volksentscheidssache erinnert sehr an Hamburg, wo die auf sechs Jahre verlängerte Grundschule letztes Jahr abgelehnt worden war. Interessanter Aspekt dabei: Die Stadtteilwahlbeteiligung indiziert, dass die Gebildeteren und Reicheren die längere Grundschulzeit eher ablehnen und ein Interesse daran haben, das zu äußern (und die Reform damit zu unterbinden). Die Argumente waren in etwa, dass das längere gemeinsame Lernen die leistungsstarken Kinder bremst und die leistungsschwachen nicht ausreichend fördert.

Siehe auch
http://blog.zeit.de/zweitstimme/2010/07/19/warum-die-primarschule-in-hamburg-gescheitert-ist/


quarc
13.9.2011 20:33
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> Ich stell mir das grauslich vor. Ich war in den letzten Jahren auf Reisen ein
> paarmal in Gegenden, wo ich nicht mal die Schriftzeichen der Landessprache
> lesen konnte (Thailand, China, Dubai), und wenn man mal irgendwo ist, wo sie
> nicht noch die wichtigsten Schilder zusätzlich in Englisch beschriftet haben,
> kann man nichts mehr lesen, nicht mal einen Straßennamen oder sowas. Da hat
> man ernsthafte Probleme und muß sich mühsam durchfragen. So ungefähr muß das
> dann im eigenen Land sein.

Ja, die kognitiven Leistungen, die viele Analphabeten aufbringen, um die
fehlende Lesefähigkeit zu kompensieren, ist schon beeindruckend.

Die hohe Zahl könnte aber auch daran liegen, dass mane wohl “funktionale
Analphabeten” mitgerechnet hat, die also Texte entziffern können, sie aber
nicht immer verstehen. Das kann man häufig gut verschleiern, und zwar umso
besser, je weiter man in der Bildungshierarchie aufsteigt. Die betroffenen
enden mitunter als Juristen und können es zuweilen durchaus bis zum Dekan
einer Informatikfakultät bringen. In solchen Positionen fällt so etwas gar
nicht mehr auf.


Hadmut
13.9.2011 22:47
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@quarc: Dekan einer Informatikfakultät? Guck mal in Adele und die Fledermaus in das Unterkapitel über Analphabetismus bei Professoren. 😀


Ralf Muschall
13.9.2011 20:53
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Die genannten Zahlen (14% bzw. 7.5 Mio – welche von beiden stimmt eigentlich?) sind vergleichsweise harmlos – davon ist ein Teil entweder schon in Rente oder in rein körperlichen Arbeiten untergebracht.
Richtig besorgniserregend ist der Analphabetenanteil von 20% unter den jetzigen Schulabgängern.


quarc
19.9.2011 21:02
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An die Beispiele in Adele habe ich natürlich auch gedacht. Aber mittlerweile
habe ich auch selbst im westfälischen Karlsruhe meine Erfahrungen mit dem
Leseverständnis eines Informatikdekans (mittlerweile Ex-Dekan) machen müssen.


Robert
20.9.2011 12:58
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@quarc: Bitte, lass dich nicht davon abhalten uns mehr darüber zu erzählen. 🙂


yasar
20.9.2011 17:11
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@quarc

Erzähl mal. Ich erzähls auch nicht weiter.


quarc
26.9.2011 20:35
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Naja, das ist eigentlich nichts besonderes. Es begann damit, dass ich
eines schönen Montagabends meine Post nicht lesen konnte und eine
technische Umstellung oder irgendeinen Fehler vermutete.

Vom Servicemitarbeiter erhielt ich am Dienstagmorgen die Nachricht

| der Account wurde gestern auf Anordnung des Dekans der Fakultaet geloescht.
|
| Mit freundlichem Gruss
|

Als Adeleleser vermutet man gleich eine entsprechende Berufskrankheit,
zumal ich damals mit der Universitätsleitung im Streit lag und ein paar
unbequeme Fragen aufgeworfen hatte. Ich vermutete sofort ‘foul play’.

Später habe auch herausgefunden, weshalb das gemacht wurde, aber ich werde die
ganze Geschichte jetzt nicht hier in einem fremden Blog ausbreiten, sondern
selbst zu gegebener Zeit in einem Stück veröffentlichen.

Nun hatte ich zu diesem Zeitpunkt sowieso keinen Anspruch auf die weitere
Benutzung des betreffenden accounts, also auch kein Problem mit der Schließung.
Aber der Dekan hatte weder mir noch den Mitarbeitern des Lehrstuhls Bescheid
gesagt. Insbesondere wusste ich nicht, was an eingehender e-mail abgewiesen
worden war und was zwar noch angenommen aber vielleicht gelöscht worden war,
so dass der Absender überhaupt nicht erfahren würde, dass seine mail mich gar
nicht mehr erreicht hat (immerhin war da von ‘geloescht’ die Rede).

Also schrieb ich:

| Subject: Loeschung von Mail-Account
|
| Sehr geehrter Dekan ***,
|
| nachdem ich mich in der Nacht von Montag auf Dienstag zunächst
| in Vermutung eines technischen Problems mit meinem Account
| ( ******************************* ) an das IRB gewandt hatte,
| erfuhr ich am Dienstag durch Herrn ***, dass der Account auf
| Anweisung des Dekans der Fakultät am Montag gelöscht wurde.
|
| Der Account wurde mir vom Lehrstuhl 1 in Erwartung meiner Einstellung
| nach meiner Ankunft in Dortmund eingerichtet worden.
| [ diese Inkongruenz im Satz stammt von mir ]
| Nach der Ablehnung des Einstellungsantrags durch die Hochschulleitung
| ging ich, im Einvernehmen mit der betroffenen Arbeitsgruppe, zwar noch
| davon aus, ihn noch bis etwa Ende des Jahres nutzen zu können
| (analog zu einem unbezahlten Gast), aber ich hatte natürlich
| nicht erwartet (oder gar beansprucht) dass er mir darüber hinaus
| zur Verfügung steht. Deshalb ist gegen eine ordnungsgemässe Schließung
| dieses Accounts meiner Ansicht nach nichts einzuwenden.
|
| Ihr Vorgehen, diese Löschung vornehmen zu lassen, ohne mich
| darüber überhaupt vorab zu informieren, halte ich jedoch
| für unprofessionell, unverschämt und einer Universität unwürdig.
| Sie haben dadurch nicht nur Korrespondenten innerhalb und
| außerhalb der TU den Postverkehr mit mir erschwert, sondern
| auch — und das ist gravierender — mir nicht ermöglicht,
| etwaige an mich adressierte Post vom Mail-Server abzuholen.
|
| Mir ist gleichgültig, ob Sie aus eigenem Antrieb derart vorgingen
| oder ob Sie entsprechenden Bitten der Hochschulleitung entsprachen
| und im Übereifer die notwendige Sorgfalt vermissen ließen.
|
| Ich fordere Sie daher auf,
|
| (1) mir unverzüglich die für den Account ***
| eingegangene und auf dem Mail-Server verbliebene e-mail zugänglich zu machen.
|
| (2) vorhandene Verbindungsdaten des Mail-Servers über eingehende e-mail
| für den 29.11. in der Zeit von 3:00 Uhr bis 23:00 Uhr zu sichern,
| um eine spätere Überprüfung durch autorisierte Personen zu ermöglichen.
|
| Falls durch Ihr Eingreifen an mich gerichtete Post verloren gegangen
| sein sollte, behalte ich mir rechtliche Schritte gegen Sie vor
| und werde gegebenenfalls Ihr Verhalten auch über den Kreis der
| hiesigen Mitarbeiter hinaus bekannt machen.
|
| Hochachtungsvoll,

Um seine Antwortfreudigkeit zu befördern, ging eine Kopie der mail auch per Cc:
an das Rektorat sowie über die Verteiler an alle Mitarbeiter der Fakultät
(komischerweise nahm der Verteiler meine mail an, obwohl sie von außerhalb
kam — Spamverhütung geht anders, aber egal, nicht mein Problem).

In seiner Antwort (die ich jetzt nicht im Wortlaut wiedergeben werde)

– gab er seine Gründe für die Löschung an
(die nicht tragfähig waren, aber das war mir ja sowieso egal).

– meinte er, dass ein Gaststatus ihm vom Lehrstuhl nicht angezeigt worden war
(d.h. das Wort “analog” war zu schwierig für ihn).

– erklärte er, warum ich keinen Anspruch auf diesen Account hätte
(den ich ja ohnedies nicht erhoben hatte).

– erklärte er, dass er zwar keinerlei Rechtsanspruch erkennen könne, aber
trotzdem einen Mitarbeiter bitten würde, mir meine e-mail zuzuleiten.
(vielleicht war er ja ernsthaft der Ansicht, die e-mail gehöre ihm?)

Das war natürlich schon einmal beruhigend, weil die eingegangene mail also
offenbar nicht bereits gelöscht war. Nach nochmaliger Nachfrage erhielt
ich dann einen tarball mit den noch verbliebenen Nachrichten.

Insgesamt hatte ich (auch aufgrund anderer Vorfälle) eher den Eindruck, dass
er durch seine Aufgaben als Dekan intellektuell doch etwas überfordert war,
und sich nicht zuletzt daher vorzüglich als Knecht der Hochschulleitung eignete.
Aber wie gesagt, er ist mittlerweile nicht mehr in dieser Funktion tätig.